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von Heike Schwatke eine Geschichte für starke Frauen Madeleine fand keinen Schlaf. Ruhelos wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her. Die Nachricht, die sie heute Nachmittag bekommen hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf. Der Pariser Kulturverlag war mit der Bitte an sie herangetreten, eine Biographie über ihre Mutter zu verfassen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie auf diesen Gedanken gekommen waren, ausgerechnet sie darum zu bitten. Sie selbst hatte noch nie etwas geschrieben, geschweige denn veröffentlicht. Natürlich lag es nur am Ruhm ihrer Mutter, die eine der ganz großen französischen Politikerinnen gewesen war. Nun sollte sie posthum geehrt werden. Madeleine fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen. Noch einmal drehte sie sich unter ihrer Decke auf die andere Seite. Dann gab sie auf, verließ das Schlafzimmer und tappte auf nackten Füßen in die Küche, um sich aus dem Eisschrank die angefangene Packung Eiskreme zu holen. Mit dem Eisbecher und einem Löffel bewaffnet, setzte sie sich auf die Fensterbank und starrte in den hell erleuchteten Nachthimmel. Ihre Gedanken kreisten um das Leben ihrer Mutter. Eine hart arbeitende, stets stilvoll gekleidete Persönlichkeit war sie gewesen, die ihren Parteikollegen das Leben nicht immer leicht gemacht hatte. Aber was sollte sie als Tochter darüber schreiben? Sie war ja keine Politikerin.
Gedankenverloren ließ sie den Blick schweifen, der wie durch Zufall am kleinen Sideboard neben dem Fernseher hängen blieb. Hier bewahrte sie alte Erinnerungsstücke auf, und hier stand auch ihr erstes Paar Ballettschuhe, das früher lange Zeit im Besitz ihrer Mutter gewesen war. Maman hatte stets gesagt, wenn sie auf das Paar ausgetretener Kinderballettschuhe blicke, fühle sie ihre Tochter ganz nahe bei sich. Die Schuhe stünden für die Stärke, die Madeleine schon als kleines Mädchen bewiesen hatte. Mit diesem Kommentar hatte sie ihr die Schuhe eines Tages, als es zu Ende ging, auch vermacht. Ja, sie war eine gute Mutter gewesen. Und sie hatte ein langes erfülltes Leben gehabt. Ein Leben voll Liebe und harter Arbeit, voll Schönheit und großer Weisheit. Doch wie sollte Madeleine dies erklären? Da fiel ihr auf einmal eine Geschichte ein, die ihre Mutter ihr, als sie noch klein war, häufig erzählt hatte. Es war eine
Geschichte gewesen, die so typisch für ihre Mutter war, und doch so aufregend und lehrreich. Einst lebte in einem fernen Land eine Prinzessin, die ihren eigenen Kopf hatte. Ihr Vater, der König, wollte sie so schnell wie möglich verheiraten, denn die Prinzessin war ein richtiger Wildfang und hatte den Kopf voller Flausen. Sie liebte es, auf ihrem Pferd durch die Wälder zu streifen, obwohl dort damals sehr viele Gefahren lauerten. Und so kam es, wie es kommen musste. Eines Tages stieß sie mitten im tiefen dunklen Wald auf einen riesigen hungrigen Drachen.
Urplötzlich tauchte er aus einer Höhle auf, spie Feuer, der ihrem Ross die Mähne versengte, und packte die Prinzessin mit seinen Furcht erregenden Klauen, dabei die unheimlichsten Laute ausstoßend, die die Prinzessin je vernommen hatte. Schon glaubte sie, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, als plötzlich ein edler Ritter auf seinem Ross auf den Drachen zupreschte, die Lanze im Anschlag, um im letzten Augenblick damit den Hals des Drachen zu durchbohren. Blut schoss hervor, die Klauen des Drachen lösten sich von der Prinzessin, und mit einem markerschütternden Schrei sank der Drache tot zu Boden und ließ dabei die Erde erzittern. Wahnsinnig vor Angst und Erleichterung sank die Prinzessin in die Arme des Ritters, der sie sicher und heil heim ins Schloss brachte.
Aus Dankbarkeit gab ihr Vater sie dem Ritter zur Frau, der fortan als ihr Gemahl mit ihr auf dem Schloss lebte. Die Prinzessin war ihm auch auf Lebzeiten dankbar für die Rettung, doch so recht glücklich schien sie nicht zu sein. Nacht für Nacht quälten sie Albträume, in denen sie wieder und wieder den Angriff des Drachen erlebte. Was wäre gewesen, wenn der Ritter nicht erschienen wäre? Wie hätte sie der tödlichen Gefahr entrinnen können? Was hätte der Drache ihr angetan? Und konnte so etwas nicht jederzeit wieder passieren? Und stets erscholl dabei dieses furchtbare Geräusch, das der Drache gemachte hatte. Mit den Jahren wurde ihre Angst immer größer, immer Furcht erregender sah der Drache in ihren Träumen aus, und am schlimmsten quälte sie dieses Geräusch.
Doch im Schloss schien niemand zu bemerken, dass die Prinzessin immer stiller und ängstlicher wurde. Nur der Hofnarr runzelte die Stirn, wenn er sie sah, und eines Tages nahm er sie beiseite und sprach sie an. „Prinzessin, ich sehe, Ihr tragt ein Leid, das niemand bemerkt. Wollt Ihr darüber sprechen, so verfügt über mich.“ Und da die Prinzessin sonst niemandem von ihren Träumen zu erzählen wagte, vertraute sie sich dem Hofnarren an. Erst berichtete sie nur vage, dann immer deutlicher von den Angstträumen. Und als der Hofnarr die Situation erfasst hatte, gab er ihr einen weisen Rat. „Prinzessin, Ihr werdet nie erfahren, was geschehen wäre, wenn der Ritter nicht gekommen wäre. Und bis ihr wieder einem Drachen begegnet, werdet Ihr auch nicht wissen, ob Euch eine zweite Begegnung mit einem seiner Art vorherbestimmt ist. Wenn Euch dies jedoch solche Angst macht, dann übt Euch doch im Lanzenstechen oder im Bogenschießen, so seid Ihr das nächste Mal besser gewappnet.“
Dies schien ihr vernünftig, und so trainierte sie fortan die ritterlichen Kampfkünste. Teils amüsiert, teils vorwurfsvoll beobachtete sie der Hof bei ihrem Treiben, ihr Gemahl ertrug den Spott stirnrunzelnd. Doch die Prinzessin ließ sich in ihrem Tun nicht beirren. Nur die Albträume suchten sie weiter jede Nacht heim. Eines Tages beschloss die Prinzessin, dass sie das Warten nicht länger ertragen könne. Sie war nun so gut in allen Kampfeskünsten ausgebildet wie der beste Ritter bei Hofe, und sie beschloss, sich der Herausforderung zu stellen. Nur die Gewissheit konnte ihre Träume besiegen. Und so ritt sie erneut in den Wald, den sie seit Jahren nicht mehr betreten hatte, auf der Suche nach dem Kampf. Und sie kehrte nicht eher um, bis sie einen Drachen gefunden und getötet hatte. Mit einer Drachenklaue als Trophäe kehrte sie heim und ward von Stund an nie mehr von Albträumen geplagt.
Madeleine wunderte sich, wie gut sie sich an die Geschichte erinnerte. Ein für ihre Maman so typisches Märchen über eine starke Frau, die sich selbst am besten zu helfen weiß. Doch es hatte auch eine Zeit gegeben, da war sie auf die Hilfe ihrer Tochter angewiesen. Es war die Zeit, als ihre Maman von einer schlimmen Krankheit geplagt worden war und eine ganze Zeitlang schwach und hilflos war. Madeleine erinnerte sich gut, wie sie versucht hatte, ihrer Mutter etwas von der Stärke und Zuversicht, die sie ihr beigebracht hatte, zurückzugeben. Für Madeleine war es kein Problem gewesen, ihre Mutter einmal elend und krank zu sehen. Sie wusste, es war so, wie es war, und sie konnte daran nichts ändern, außer für sie da zu sein. Lange hatte es gedauert, bis ihre Mutter dies verstanden hatte.
Doch dann war er da, dieser Augenblick, in dem Mutter und Tochter wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten, dass sie auch einmal schwach sein durften und dass gerade dies ihre Beziehung noch stärker werden ließ. Und das war die Botschaft, die ihre Mutter der Welt hinterlassen hatte: Eine starke Frau zu sein bedeutet nicht, immer stark zu sein. Eine starke Frau zu sein bedeutet, auch die Schwächen annehmen zu können. Und zu wissen, mit welchen davon man leben kann und welche man besiegen musste. Und nun wusste Madeleine auch, was sie in die Biographie schreiben würde. „Danke, Maman“, flüsterte sie in die Nacht. Und merkte auf einmal, dass sie schrecklich müde war.
Heike Schwatke im Internet: www.dein-maerchen.de; Email: kontakt@dein-maerchen.de |
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