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Wir befinden uns im Jahre 3058 nach Christi. Die Erde war nach einer Klimakatastrophe in eine Eiswüste verfallen, in der kaum ein Lebewesen überlebt hatte. Es war dunkel auf der Erde geworden, sie war von einem ocker-grauen Schleier umhüllt und alle Ozeane und Meere, Flüsse und Bäche waren ausgetrocknet oder vereist.
Es herrschte eine eisige Kälte die von einem beißenden Wind begleitet wurde. Nur noch ein paar kleine schleimige Würmer fühlten sich pudelwohl in der Umgebung. Eine handvoll Menschen hatte sich vor dem Untergang der Erde in eigens dafür errichteten Stahlcontainern retten können und warteten auf ihre Erlösung. Keiner wusste, wie die aussehen konnte.
In einem dieser Container, der sich in der einst blühenden Metropole von Paris befand, lebten noch ca. 50 Menschen von den Restbeständen an Sauerstoff . Sie waren gezwungen die schleimigen Würmer zu essen und tranken aufgetaute Eisbrocken, von denen es auf der Erde nun genug gab. In dem Container waren auch zahlreiche Kinder.
Da die Kinder aufgrund ihrer Jugend noch die gesündesten und kräftigsten von den Containerbewohnern waren, hatten sie die Aufgabe, täglich Würmer zu sammeln, um die Mannschaft zu versorgen. Man hatte für das Sammeln der Tiere sogar schon einen eigenen Begriff geschaffen, würmeln. 15 Kinder teilten sich den Job, jeden Tag der Woche war ein anders Kind dran. Eines der Kinder war die kleine Chanel. Kinder die besonders viele Würmer gesammelt hatten wurden von den Erwachsenen sehr gelobt. Sie strahlten und prahlten, wenn sie erneut einen vollen Korb mit nach Hause brachten. Insbesondere Patrik war ein echter Held beim würmeln. Ob Alt oder Jung, alle bewunderten ihn, so dachte jedenfalls Chanel. Chanel hasste ihn dafür. Dieser Angeber.
Der Wochensieger, das Kind, dass die meisten Würmer der Woche gesammelt hatte, durfte sogar einen extra Teller Würmer essen. Je weniger Würmer man mitbrachte, desto harscher war die Kritik und desto weniger bekam man zu essen. Chanel hatte bisher immer am wenigsten Würmer gesammelt. Sie fühlte sich wertlos und schlecht. Ihr drehte sich jedes Mal der Magen um, wenn der Befehl zum würmeln kam. Sie bekam Angstschweiß auf der Stirn und sie wurde kreidebleich. Die Kinder lachten sie aus und hänselten sie, weil sie so schlecht würmelte. Die Erwachsenen zeigten ihre Enttäuschung, wenn sie abermals mit zu wenig Essen in den Container zurückkehrte.
Wieder einmal hatte Chanel den Befehl zum Würmeln bekommen. Diesmal wollte sie es allen zeigen. Würde sie es schaffen genug Tiere zu fangen? Es gab besondere Orte, die von den Tieren bevorzugt waren, aber diese Plätze waren sehr gefährlich. Insbesondere in den Moorgebieten verbargen sich die ekeligen Tiere im Erdboden. Hier konnte man allerdings sehr leicht einsacken und im Moor für ewig versinken.
Einige besonders mutige und tapfere Kinder hatte dieses Schicksal schon ereilt. Chanel zog also früh am Morgen los und begab sich auf den Weg Richtung Moor. Sie war fast bewegungslos vor Angst. Sie lehnte sich an einen toten Baumstumpf und schaute starr auf den Boden. Vor ihr lag ein fetter ekeliger Wurm. Der Wurm bemerkte das Zittern von Chanel. Ein riesiger Angstschweißtropfen von Chanel plumpste mit voller Wucht auf den Wurm. Der Wurm schüttelte sich vor Schreck und fing an zu fiepen. Auch er hatte panische Angst. Er wusste um sein Schicksal. Denn Menschen sind Würmerfresser, das wusste jeder Wurm. Chanel bemerkte nun auch das Tier und bückte sich nach dem Wurm. Als sie das widerwärtige zappelnde Tierchen in den Korb legen wollte, fing es an mit ihr zu sprechen. Chanel traute ihren Ohren nicht.
Der Wurm nahm sich all seinen Mut zusammen und sagte: Alle Lebewesen haben Schwächen. Das macht sie doch besonders liebenswert, oder? Und sie brauchen viel Wertschätzung, so wie Du und ich, stimmt´s? Er hoffte, so Zeit gewinnen zu können, bevor er im Würmereimer sein Leben beenden musste. Was sagst du da?, fragte Chanel völlig überrascht. Ja, ich hab Angst, du hast Angst. Aber ich bin auch sehr beeindruckt und stolz auf dich, dass du dich bis hierher getraut hast. Hut ab, davor habe ich echt Respekt. sagte der ekelige Wurm.
Chanel war völlig verwirrt, merkte aber gleichzeitig, wie sie sich entspannte und neugierig wurde. Und das komischste war, sie fand dieses ekelerregende Tier plötzlich sogar sympathisch. Immerhin hatte er ihr ein großes Lob ausgesprochen, wie sie es schon lange nicht mehr bekommen hatte. Sie sah den Wurm wohlwollend an und bemerkte etwas, was sie vorher nie bei den Würmern gesehen hatte, der Wurm leuchtete. Er war in dieser dunklen Moorlandschaft fast wie eine Laterne so hell. Wie machst du das, fragte Chanel neugierig? Was? erwiderte der Wurm ängstlich. Na, dass du so leuchten kannst, ergänzte Chanel. Das ist ganz einfach, du leuchtest doch gerade genauso schön. Siehst du das denn nicht? fragte der Wurm. Ich leuchte so wie du? fragte Chanel. Nein, du hast eine ganz farbenfrohe bunte Wolke um dich, so als wenn du von einem Regenbogen eingehüllt wurdest, konterte der Wurm.
Chanel schaute an sich herunter, und tatsächlich, sie sah sich in wundervollen Regenbogenfarben eingehüllt. Sie spürte in dieser trostlosen Einöde plötzlich einen warmen weichen Wind und sie hörte eine wunderbare Harfe spielen. Sie fühlte sich so wohl als wäre Weihnachten und Geburtstag an einem Tag und sie erinnerte sich an die Zeit, als auf der Erde noch alles in Ordnung war. Sie verspürte eine unglaubliche Energie und Kraft. Hast du mich verzaubert? fragte Chanel ehrfürchtig. Du hast dich selbst verzaubert, antwortete der Wurm. Jeder Mensch hat die Energie sich zu verzaubern, du musst es nur einfach tun. Schau sie dir genau an deine Energiewolke. Nimm sie und pack sie in dein Herz. Immer wenn du sie brauchst kannst du sie rausholen und dich von ihr umarmen lassen. Hast du eine Idee, wann du sie das nächste mal einsetzen könntest? Ja antwortete Chanel, wenn ich heute nicht genug von euch Würmern finde und nach Hause komme, dann werde ich die Menschen mit meinem schönen Schein erleuchten. Meinst du das wird klappen? Klar, stellte der Wurm mit sicher Stimme fest.
Chanel nahm den Wurm in die Hand und bedankte sich. Sie war sprachlos, aber glücklich. Und sie war erstaunt und voller Anerkennung, wie so ein kleines ekeliges Tier, was sie bisher mit viel Widerwillen gesammelt und verspeist hatte, ihr so viel gegeben hatte. Und sie war überrascht, dass der Wurm mit so viel Friedfertigkeit und Zuneigung auf sie zugekommen war, obwohl sie ihn doch eigentlich als Mahlzeit einsammeln wollte. Sie nahm sich vor in Zukunft etwas respektvoller mit Würmern umzugehen. Außerdem kam ihr die Idee, dass es ja vielleicht gar nicht so schlimm ist, wenn sie nicht so viele Würmer sammeln kann wie die anderen Kinder. Sie konnte dafür besonders gut Wurmsuppe kochen, dafür hatte sie auch schon viel Lob bekommen. Und außerdem war es auch riskant, das würmeln, einige Kinder hatten schon ihr Leben verloren. Ein bisschen Vorsicht und Obacht war also gar nicht dumm, auch wenn man dadurch weniger Würmer im Eimer hatte. Naja, aber was könnte sie nun tun, wenn sie wieder mal mit zu wenig Würmern nach Hause käme und sie ein Gefühl der Scham und des Versagens überkam. Dieser Moment stand ja im übrigen kurz bevor. Durch das Gequatsche mit dem Wurm hatte sie bereits viel Zeit verloren. Sie hatte eine Idee. Chanel stellte sich vor, wie sie kurz vor der Containertür ihre Regenbogenwolke heraus holte und die Energie und Kraft spürte, die damit verbunden war.
Natürliche wären erst einmal alle völlig sprachlos, weil Chanel so leuchtete. Wahrscheinlich hätte keiner mehr ein Augenmerk dafür, dass sie so wenig Würmer im Eimer hätte. Wahnsinn würden alle rufen, bist du verzaubert worden? Und sie stellte sich vor, dass das aufgeregte besorgte Herzklopfen wegen der wenigern Würmern von leiser beruhigender Musik in ihrer Regenbogenwolke übertönt wäre. Und sie würde einfach einen neuen Vorschlag machen. Sie würde vorschlagen, dass sie in Zukunft in Zweiergruppen zum sammeln gingen und sie könnte ihre Fähigkeit nutzen, die Leuchtkraft der Würmer zu sehen. Das war nämlich ihre große Stärke. Ja und eigentlich war ihr schon immer klar gewesen, dass alle nur mit Wasser kochen. Patrik zum Beispiel konnte zwar Würmer sammeln war aber ein miserabler Koch. Hinzu kam, dass er der Älteste war und bereits schon viel mehr Erfahrung hatte beim würmeln. Und ja, es gab schon auch noch viele andere Kinder, die hatten auch nicht viel mehr Würmer im Eimer als Chanel. Und überhaupt, sie hatte schon immer daran geglaubt, dass Menschen lernfähig sind. Sie ist nun mal keine geborene Würmersammlerin. Aber es ist ja auch noch kein Meister vom Himmel gefallen. Und für einen Moment lang versuchte sie mal aus den Augen der Menschen im Container zu schauen, vielleicht waren sie ja gar nicht so harsch in der Kritik, wie Chanel bisher angenommen hatte. Vielleicht sorgten sie sich nur darum, dass alle genug zu essen haben.
Sie schaute in ihren Gedanken auf die kleine Chanel im Container und auf ihre Freunde und Familie und war überrascht, dass ihr alle doch recht wohlgesonnen waren. Sie dachte, dass sie vielleicht ein wenig zu sehr an dem Glauben verhaftet war, perfekt sein zu müssen. Als sie so von ganz weit oben auf die Situation herabschaute kam ihr die Idee, dass alle Containerbewohner so ihre Schwächen hatten, aber auch Stärken. Und das war gut so. Sie hatte das Bedürfnis von ganz weit oben einen Satz ins trostlose Erdendasein zu rufen, „Die Menschen sind dir wohl gesonnen und wer es nicht ist, ist selber schuld.“ Chanel war so glücklich wie lange nicht, sie sank zu Boden und machte ein kurzes Nickerchen. Sie träumte von einer grünen Wiese, voll mit Gänseblümchen. Unzählige Bienen schwirrten herum und ließen sich auf den Blumen nieder um Nektar zu trinken. In weiter Ferner hörte sie fröhliche Menschenstimmen, die Menschen tanzten und lachten. Chanel war voller Euphorie und Glück. Die Würmer waren ihr völlig egal. Ulrike Hinrichs
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