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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Das große P

In Wasserland einem fernen Land, das große Ähnlichkeit mit unserem Nordpol hatte, wurde einmal ein kleines Segelboot gebaut.

Sein Erbauer lebte in einer sehr stürmischen und gefährlichen Gegend. Und da er ein umsichtiger und liebevoller Mann war und sich um das Wohlergehen seiner Kinder, wie er seine Boote nannte, sorgte, entschied er, dass das Segelboot in einem ruhigen Fjord, fernab der stürmischen See aufwachsen sollte.

Hier war das Wasser ruhig und schimmerte fast weiss. Es brauchte sich um nichts zu sorgen. Seine Tage verbrachte es mit Kindern, denen es als Spielschiff diente. Die Kinder wollten toben, das Boot tobte mit ihnen. Sie wollten zur anderen Seite des Fjords und lustig segelte es mit ihnen hinüber.

Regelmäßig wurde sein Deck geschrubbt und auch wenn es einmal seine Segel schmutzig gemacht hatte, wurden sie sofort gewaschen. Es mußte sich um nichts kümmern. Das fand das Boot sehr bequem.

Ab und zu wünschte es sich jedoch, mit den anderen Booten hinaus auf´s Meer zu fahren, aber der Bootsbauer meinte, das sei zu gefährlich.

Des Nachts konnte man gelegentlich einen lang gezogenen Schrei im Fjord hören. Niemand wusste, ob er von einem Wolf kam oder ob der Wind den Ohren einen Streich spielte. Der Schrei hörte sich aber doch sehr klagend an und das kleine Segelboot fühlte sich dann ganz unbehaglich. „Vielleicht ist es ja doch gut, hier im sicheren Fjord zu sein…“ 

 

Die Kinder liebten das kleine Segelboot und die Zeit verging. Es lernte einen kleinen Seehund kennen, der sein Freund wurde. Sie spielten miteinander und das Boot kam sich wie der große Bruder, ja sogar fast wie der Vater des kleinen Seehunds vor. Es war eine schöne Zeit.

Als das Boot älter  wurde, kam die Zeit heran, in der es selbst entscheiden konnte, ob es noch länger in dem Fjord bleiben wollte oder ob es hinaus in die weite Welt segeln wollte. Das fiel dem kleinen Boot nicht leicht. Es hatte ja nie gelernt, wie es war, das zu tun, was es selbst wollte. Immer tat es, was die Kinder wollten und es vertraute dem Bootsbauer.

Es hatte sich noch nie Gedanken gemacht, was es machen wollte. Wohin sollte es segeln? War es überhaupt fähig, in schlechtem Wetter und bei Wellengang zu segeln? Nie durfte es, wie die anderen kleinen Boote auf Erkundungsfahrten gehen. Die kamen manchmal  verbeult und zerkratzt wieder und der Bootsbauer wollte ja, dass es ihm gut ging. Und nun sollte es hier weg? Ja, ein bisschen es wollte sogar hier weg – aber wohin und was sollte es da tun?

Es fragte den Bootsbauer und der sagte „Segel doch nach Poisson, da werden Schiffe gesucht für die Fischer.“

Als das kleine Boot in Poisson ankam, das nicht weit vom weißen Land entfernt und über einen sicheren Kanal durch´s Eis erreichbar war, bekam es eine sehr wichtige Aufgabe. Es durfte als Schiff arbeiten, auf dem die jungen Fischer das Segeln lernen sollten. Und das konnte nur ein Schiff sein, das selbst wenig Erfahrung auf dem offenen Meer hatte, damit es den Fischern nicht heimlich helfen konnte.

Poisson war ein großer Fjord von grünen Hügeln umgeben. Das Wetter war hier oft wechselhaft. Schien die Sonne, zogen plötzlich Wolken auf, aus denen es wenig später regnete, donnerte und blitzte. Wind pustete die Wolken wieder weg und die Sonne kam wieder hervor. Nie war klar, wie die Luft, das Wasser und der Himmel sich im nächsten Moment verhalten würden.

Das war das kleine Boot nicht gewohnt und es wurde unruhig.

 

Die Unruhe wuchs mit der Zeit in dem Boot und wurde größer. Ein mulmiges Gefühl breitete sich im Schiffsbauch aus. Und dann kam der Stress hinzu.

Von morgens bis abends fuhr es mit den Fischern hinaus, torkelte mit ihnen über die Wellen und zurück ging es zur Küste. Die nächste Gruppe wartete dann schon. Das Boot kam nicht zur Ruhe.

Es vermisste den kleinen Seehund. Nur an den Wochenenden konnte es ihn besuchen. Dann spielten sie wie früher. Aber wie früher war es irgendwie nicht. Der kleine Seehund war traurig, dass ihn das Segelboot im Fjord zurückgelassen hatte und ihn so selten besuchte.

Aber das Boot konnte doch nichts dafür, die Fischer ließen ihm nun mal nicht viel Zeit und es war auch nicht leicht, jedes Mal durch den Eiskanal zu segeln. Manchmal schien er sogar wie zugefroren.

Wenn es mit den anderen Fischerbooten nachts am Kai lag, sprach es oft mit ihnen über ihre Wünsche und ihre Ziele. Viele hatten Probleme und das Boot konnte vielen von ihnen helfen. Denn es konnte sich besonders gut in sie hineinfühlen und sie erzählten ihm gerne. Es war ein guter Zuhörer. Es fiel ihm leicht, ihnen zu helfen, Wege zu finden, die sie ihren Wünschen näher brachten.

Nur sich selbst zuhören, das konnte das kleine Boot nicht so gut. Dafür war keine Zeit. Neben all dem Lehren, Helfen und bei dem ganzen Streß, fand es dafür einfach keine Gelegenheit.

 

Eines Nachts wachte unser Segelboot jedoch aus einem Traum auf. Es hatte geträumt, es sei der kleine Seehund im weißen Land. Und im Traum war es traurig und weinte, weil sein Freund, das Boot, weggefahren war und ihn, den Seehund so selten besuchte. Und da wurde ihm klar, dass es etwas ändern mußte.

Unser Segelboot wollte herausfinden, was es denn nun wollte. Wollte es bei dem Seehund sein? Wollte es endlich mit richtigen Fischern bei Wind und Wetter auf´s Meer hinaus fahren und mit Netzen voller Fisch zurückkehren?

„Ich fühle mich ziellos und unruhig“ – immer wieder gingen ihm diese Gedanken durch den Kopf.  Es wäre toll, für mich selbst Verantwortung übernehmen zu können. Ich kann den anderen Booten helfen. Warum sollte ich es nicht bei mir auch versuchen. Und bei dem Gedanken daran, seine Wünsche und Ziele kennen zu lernen und sich selbst helfen zu können, blähten sich seine Segel auf, das Holz knarzte und das kleine Segelboot schien zu wachsen. Es wußte, dass es etwas tun wollte, was es sich selbst ausgedacht hatte und es wollte selbst dafür verantwortlich sein.

Es beschloss, eine Fahrt zu unternehmen.

Die See war rauh und so manches Mal drohte das Boot zu kentern. Doch schließlich erreichte es diese Felsspitze, um die es bisher nicht herumgesegelt war. Dahinter hingen dichte, weiße Wolken, die eine Wand wie aus Watte bildeten.

Es faßte sich ein Herz, raffte seine Segel und glitt hindurch in eine andere Welt.

Das Wasser in diesem Land war azurblau und plätscherte sanft an seinem Bug. Die Luft roch süß, süß wie Nektar und erfrischend wie Quellwasser. Hier schien es immer Frühling zu sein. Hier könnte es auch ohne seine dicken Wintersegel, nur mit dem leichten, kleinen Vorsegel herumfahren. Klar und weit war die Luft. Und in der Luft breitete sich ein Klang aus, wie Fische sich in riesigen gelben und roten Schwärmen im Wasser ausbreiteten. „GONNNNNGGG…“

Hier wollte unser Boot Wurzeln schlagen, die Zeit vergessen und glücklich sein.

Da tauchte hinter einem Felsvorsprung, die Nase des Seehundes auf und der Seehund machte einen Luftsprung. „Hallo – endlich bist Du hier!“

„Hast Du mich erwartet?“, fragte das kleine Segelboot. „Wie kommst Du eigentlich hierher?“ „Genau wie Du“ antwortete der Seehund. „Immer wenn ich mir wünsche, hier zu sein, stelle ich mir diese weiche Wattedecke vor und schwimme hindurch – Das kann doch jeder.“

„Jeder kann das?“ wunderte sich das kleine Boot. „Wieso hast Du mir nie davon erzählt? Ich habe doch extra eine Reise unternommen und bin nur deshalb zu der Wattedecke gelangt.“ „Die Reise fand in Deiner Vorstellung statt, sagte der Seehund. Wenn Du weißt, was Dir wichtig ist, kannst Du von jedem Ort in Wasserwelt hierherkommen und solange bleiben, wie Du magst. Es ist dann genauso, als wenn Du wirklich hier wärst. Was ist es denn bei Dir - Was ist Dir denn wirklich wichtig?“

Da schaukelte das Segelboot und seine Bullaugen leuchteten. „Die Liebe, die Liebe ist mir wirklich wichtig! Und ich will und kann Verantwortung für mich selbst übernehmen!“

Und der Seehund schwamm in einer Kreisform um das Segelboot herum und zog seine Kreise immer enger, so dass die Spur, die er im Wasser hinterließ von oben wie eine Schnecke aussah.

Von da an konnten sich der Seehund und das Segelboot wann immer sie es wollten in Èze, dem wunderschönen Land „gleich um die Ecke“ treffen.

Und wenn das Boot alleine herkam, konnte es Ruhe finden und nachdenken. Es war ausgeglichen und vergaß die Zeit. Es war ganz im Hier und Jetzt. 

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