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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Die goldenen Barthaare

Aus einem großen grünen Garten erschallt ein lockerer Reggae-Soul. In der Luft liegt ein blumig fruchtiger Geruch, der sich harmonisch mit der sommerlichen Wärme ergänzt. Die Lieblingshunde von Rudi-Ratlos liegen kraftstrotzend im Schatten der ausdrucksstarken Bäume. In ihrer Nähe hat Herrchen sich räkelnd auf der alten Gartenbank ausgebreitet und versucht vergeblich den wohltuenden Ruhepunkt zu finden.

Auf dem kleinen Hocker zu seiner Rechten steht sein Lieblingsgetränk, dass er nach langem Experimentieren nun endlich als trinkbar empfindet. Er hat eine genaue Vorstellung, was er mit dem Geschmack von Mango lasse verbindet. Es gelingt ihm nach mehrmaligen Versuchen, den Arm zielgenau an das wundervoll geschwungene und reichverzierte Bleikristallglas heranzuführen und es fest zu umgreifen. In einer dynamisch kräftig wirkenden Bewegung bringt er den Trinkhalm mit dem anhängenden Glas dem Mund näher. Er zögert einen kurzen Augenblick und lässt den Rhythmus des Reggea in sich einströmen. Sofort sind seine Bilder der Karibik vor ihm. Dann der leichte Zug am Trinkhalm und es entfaltet sich sein Lieblingsgeschmack. Er kann nur noch getoppt werden von seiner Lieblingsfrucht, der reifen Ananas.

So wie er da ausgestreckt auf seiner alten knarrenden Gartenbank liegt und in den herrlichen Sommertag versinkt, erscheint Arnold Schwarzenegger, diesmal als Pegasus, links oben. Immer, wenn Rudi sich mit Veränderungen in seinem Leben beschäftigt, taucht Arnold auf. Sein Held mit Weitblick, Leichtigkeit und Kraft.

Rudi nimmt einen weiteren Schluck Mango lasse und nutzt die Atmosphäre des Momentes, sich seines Vorhabens zu erinnern. „Was willst du, Arnold. Soll ich mich jetzt mit dir etwa beschäftigen?“ ist sein erster Gedanke. „Wenn jetzt nicht, wann dann? Ich wollte schon im Frühjahr soweit sein.“ murrmelt er unverständlich in seinen Bart, zwinkert dabei spitzbübisch mit seinem rechten Auge, so wie er es immer macht, wenn das Timing stimmt.

Seine Gedanken führen ihn in eine weiträumige Steppe, fast wie eine Pampa, die sich strohbeige vor ihm ausbreitet. Es ist die Landschaft, in der sein Lieblingsmärchen mit dem Riesen und den drei goldenen Barthaaren spielt. Es ist die Geschichte um Herausforderung, neue Schritte wagen und Widerstände zu überwinden. „Sie passt so richtig zu meiner Situation, die mich schon seit mehr als 6 Monate beschäftigt.“ denkt Rudi. Er erinnert sich, dass eine Gestalt in dem Märchen ihn schon früher sehr angesprochen hat. Es ist der kleine quirlige Tausendsassa, der dem Riesen die goldenen Barthaare herauszieht.

„Schon toll, wie der Kleine mit dem Riesen fertig wird.“ gesteht er sich ein. Ich habe auch meinen Riesen – meine Baustelle  aus den ganzen Herausforderungen und Erweiterungen. Aber wo sind die goldenen Barthaare? Wo kann ich ziehen? Während er sich den Gedanken hingibt, hört er in der Ferne den Sound von Heavymetal, aber in reinster Form; hammerhart. Je lauter er die Töne wahrnimmt, desto mehr nehmen sie Besitz von seinem Körper. Aber er gibt nur leichte Bewegungen her, ein schwaches Unentschlossenes Hin und Her, mehr zögerlich als besitzergreifend. Vor seinen Augen taucht eine dampfende Tasse Kaffe auf, die einen bitteren Geschmack auf seiner Zungenspitze hervorruft. Es könnte die Grapefruit von gestern sein, die so scheußlich schmeckte.

Er fühlt ein leichtes Frösteln, als wenn das Wetter unbeständig werden will. In seinem Innersten spürt er sich unbefriedigend, so als ob die Schlange versucht, sich auf die Spitze des Steppen-Kaktus zu schlängeln. Es fühlt sich an wie ein schwerer liegender Anker, der keine Bewegung zulässt.

Als Rudi auch noch den leicht modrigen Geruch glaubt wahrzunehmen, schreckt er auf, wischt sich den Schweiß von der Stirn und nimmt einen kräftigen Zug seines Lieblingsgetränks, Mango lasse.

„Was waren denn das für Gedanken? Woran sollte mich das Erinnern? Was wollte mir der kleine Haarausreißer sagen?“ kam es ihm in den Sinn. Da fiel es ihm wieder ein, wie gerne er schon als kleiner Junge der kleine Haarausreißer sein wollte.

Er setzte sich aufrecht hin und dachte daran, dass er sich schon lange mit dem Handling seiner vielen Fähigkeiten und Fertigkeiten beschäftigten und zu Beginn des Sommers schon die erste Ernte einfahren wollte. Zu gerne würde er mehr Kreativität entfalten. Er spürte wieder das Gefühl von Weitsicht, Kraft und Leichtigkeit, als er sich an seinen Held Arnold erinnerte. Es stieg in ihm der Gedanke auf, dass er noch weiter kommen wird und für ihn noch nicht Schluss sein wird. „Wie heißt da so ein netter Werbespruch: „Die Kraft der zehn Herzen“ oder so ähnlich?“ schoss es ihm spontan durch den Kopf.

Je mehr Rudi an den kleinen Haarauszieher denkt, wünschte er sich das Gefühl von Freiheit. Er sieht sich gemütlich über eine große Wiese wandern, die in einen Strand am weiten Ozean übergeht. Das kräftige Orange des Himmels verbindet sich mit dem Klang der Wellen, die ihn an einen leichten Mainstream denken lässt. In der untergehenden Sonne entdeckt er sein Symbol für seine Herausforderung, die deutlich vor ihm ausgebreitet liegt. Er genießt die Unendlichkeit der Weite, zieht mit großen Atemzügen die saubere und wohltuende Meeresluft ein. Sie vereint die angenehme Temperatur von 27 Grad mit dem mediterranen Flair zu einem ewigen Sommer, in dem seine Sonne im Mittelpunkt allen Tun stehen wird.

Er fühlt, wie stark er von nun an der Held sein wird, der all seine Fähigkeiten und Erfahrungen kennt und sie gekonnt einsetzen wird. Er wird die Kraftquelle für seinen Motor sein, der ihn von jetzt an antreiben und einen unendlichen Prozess anschieben wird. Er ist fest entschlossen, noch heute Abend seinen Businessplan aus der Schublade heraus zu holen und bis zum letzten Tag des Sommers 2007 die Arbeitsschritte konsequent erledigen.   

Versunken in dieses Gefühl der Zufriedenheit und stellt sich Rudi ein Glas schäumenden Schampus vor. Es wird die Krönung seines Entschlusses werden, wenn er heute Abend den Schreibtisch langsam öffnet und seinen Businessplan würdevoll vor sich ausbreiten wird.

Langsam streckte er seinen Körper in alle Richtungen, streichelt sich den Bauch und blickt zufrieden und voller Tatendrang in die Abendsonne.

 

 © Heiner Nobis-Wicherding, September 2007

   

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