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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Göttliche Kommunikation

               

von Heike Schwatke

Papa, warum verstehen sich die Menschen so oft nicht richtig?“ Niels Karlsson runzelte die Stirn. Immer öfter stellte sein Sohn Patrick ihm jetzt Fragen, die er nur schwer beantworten konnte. „Wie meinst du das?“, fragte er zurück. „Na, zum Beispiel heute in der Schule, da ist der Mathelehrer gleich sauer geworden, als ich ihn was gefragt habe. Und Mama und du, ihr streitet euch doch auch oft um Kleinigkeiten. Und danach ist Mama auch immer ganz schnell mit mir böse. Kann man denn da gar nichts machen?“ Niels seufzte. Das war eine Frage, die wirklich schwer zu beantworten war. Aber dann fiel ihm plötzlich etwas ein. Es war ein Gedanke, der so genial und so einfach war, dass er von sich selbst ganz überrascht war. „Ich kenne da eine Geschichte, die dir viele Fragen dazu beantworten kann. Aber es ist eine lange Geschichte. Wenn du sie hören willst, erzähle ich dir den ersten Teil heute Abend beim Zubettgehen, und dann jeden Abend einen weiteren Teil. Wie wär’s?“ Patricks Augen leuchteten auf. Sein Vater verpackte ja immer ganz gerne kleine Weisheiten in Geschichten, aber eine Geschichte mit Fortsetzung, nein, so etwas hatte er ihm noch nie erzählt. „Klasse, Papa!“, rief er freudestrahlend. Und konnte es seit langer Zeit zum ersten Mal gar nicht erwarten, ins Bett zu kommen. 

Zärtlich deckte Niels seinen Sohn zu. „Jetzt erzähl’ schon!“, rief Patrick. „Also gut. Du hast doch sicher schon mal von den griechischen Göttern gehört.“ „Na klar, aber was haben die denn mit meiner Frage zu tun?“ „Nun, Probleme und Missverständnisse zwischen Menschen gab es schon immer. Und auch die nötigen Tricks und Kniffe, diese Probleme zu umgehen. Nur kennen nicht alle Menschen diese Tricks. Und wie die Menschen zum ersten Mal davon gehört haben, das hat mit den griechischen Göttern zu tun. Du kennst doch die Sage, dass Zeus, der Göttervater, in einem Krieg zu seiner Macht gekommen sein soll, indem er mit Hilfe der Giganten und der Zyklopen seinen Vater, Kronos, besiegte. Nun, in Wirklichkeit verlief es etwas anders. Kronos wollte sich schon lange zur Ruhe setzen. Er träumte davon, sich auf die Insel der Seligen im westlichen Ozean zurückzuziehen. Da er sich aber nicht sicher war, ob Zeus in der Lage wäre, über die Welt und die vielen anderen Götter weise zu herrschen, und da es unter den Menschen zu dieser Zeit sehr viel Streit und Zwist gab, rief er seinen Sohn zu sich und stellte ihm die folgende Aufgabe:

Zeus sollte innerhalb von 10 Tagen 10 Lösungen für 10 Aufgaben finden, die sich alle auf die Konflikte unter den Menschen bezogen. Und alle Aufgaben waren so formuliert, dass die Menschen sich in Zukunft selbst helfen sollten, ohne dass ihnen göttliche Fähigkeiten zuteil werden dürften. Als Zeus die Aufgaben hörte, war ihm klar, dass er sie nicht allein lösen könnte. So rief er aus allen Teilen der Welt die Götter, die ihm wohlgesinnt waren, auf den Olymp, damit sie die Aufgaben gemeinsam meistern konnten. Und so ganz nebenbei kommt daher auch die Vorstellung, dass die griechischen Götter auf dem Olymp wohnen. 

Am ersten Tag trafen die Ewigen nach und nach auf dem Olymp ein. Artemis erschien und Athene, Apollo ebenso wie Ares, Aphrodite und Dionysos, Hypnos mit seinem Sohn Morpheus und Demeter, Hephaistos und natürlich Hermes sowie viele andere mehr. Auch drei der Musen waren erschienen, um die göttliche Kreativität zu unterstützen. Einige der Götter waren in der Nähe und kamen schnell herbeigeeilt, andere hatten große Entfernungen zu überbrücken, viele lebten zurückgezogen und hatten die anderen noch nie zuvor gesehen, und so kam es, dass ein guter Teil des ersten Tages damit verging, sich gegenseitig kennen zu lernen. Außerdem musste Zeus ihnen natürlich erst die Regeln der Aufgabe erklären. Viele der Weltenlenker waren etwas skeptisch. Wie sollten sie gemeinsam eine Aufgabe lösen, die der große Zeus allein nicht meistern konnte? Wie sollten sie die Probleme der Menschheit lösen, ohne mit höherer Macht einzugreifen? Es ging ziemlich durcheinander, außerdem trafen immer wieder Nachzügler ein, denen alles noch einmal erklärt werden musste. Zeus brachte all seine Ruhe und Autorität auf, um nach und nach eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Und schließlich stellte er die erste Frage:

„Wie können Menschen lernen, sich wohl zu fühlen?“ 

Erst trat eine tiefe Stille ein. Dann riefen alle durcheinander. Woher sollten die Götter dies wissen? Warum sollten die Menschen sich wohl fühlen? Dann fielen einigen erste Ideen ein, aber wenig davon war zu gebrauchen. Es entstanden kleine Gruppen, in denen wild diskutiert wurde, immer wieder hörte man plötzlich Rufe wie „Die Probleme der Menschen sind doch aber Geschenke der Götter!“ oder „Alles ist so sehr mit allem verwoben!“ Immer wieder kamen Rückfragen. „War dies der Sinn deiner Rede, oh Zeus?“ Doch so langsam kamen die Götter dahinter, dass ihre Fragen die Antworten schon in sich trugen. Und so ging es vorwärts. Dann hatte einer die Idee, den Menschen einfach eine magische Wolke aus Licht und Farben zu senden, mit der sich bislang noch jeder Hitzkopf in ein zahmes Lamm hatte verwandeln lassen. Aber Zeus wandte sofort ein, dass den Menschen keine göttliche Macht übergeben werden dürfe. Damit waren natürlich alle einverstanden, denn niemand wollte seine Macht gern mit den Menschen teilen. Und doch war die Idee so gut, dass die Ewigen beschlossen, die Menschen könnten doch ihre Fantasie benutzen, um sich selbst in eine solche Wolke zu hüllen. Es müsse ja keine echte Magie im Spiel sein, die Menschen müssten nur daran glauben. Und so erklärte Zeus die erste Aufgabe für gelöst. Lachend zogen sich die Götter auf ihr Nachtlager zurück, die ersten Freundschaften waren entstanden, und Dionysos lud ein paar von ihnen noch zu einem Glas Wein ein.“

Patrick schlief bald tief und fest. Erst am nächsten Abend sprach er seinen Vater wieder auf die Geschichte an. „Das war ja eine tolle Geschichte, und ich bin auch ganz gespannt, wie sie weitergeht. Aber ich weiß immer noch nicht, was ich machen soll, wenn Mama mich mal wieder einfach nicht versteht.“ „Geduld, Patrick, dies war ja erst der erste Tag der göttlichen Konferenz. Der zweite Tag verlief folgendermaßen:

Froheren Mutes als am ersten Tag begrüßten sich die Götter des Morgens auf dem Olymp. Nun gab es schon viel mehr Privatgespräche, und Zeus freute sich, dass alle sich gut miteinander vertrugen, obwohl einige Gottheiten, die am ersten Tag wenig beisteuern konnten, in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Dafür waren weitere Nachzügler eingetroffen, die erst jetzt die Kunde von der Aufgabe erhalten hatten. So konnte er nach nur kurzen Erklärungen für die Neuen heute zügig zum Thema kommen. Die zweite Aufgabe hieß:

„Wie können Menschen lernen, sich besser in andere hineinzuversetzen?“

Wieder gab es zunächst einigen Widerstand gegen die zu schwierig erscheinende Aufgabe. Doch schneller als am ersten Tag fanden die Götter in ein anregendes Wortgefecht. Nach und nach nahm auch an diesem Tag eine Idee Gestalt an. Die Ewigen wussten alles über die Menschen, da sie über die Gabe des Hellsehens verfügten. Aber natürlich war auch dies eine Fähigkeit, die nicht in Menschenhand gelangen durfte. Wie also konnten die Menschen eine ähnliche Begabung erhalten? Nun, der Mensch sieht nicht den Geist, er sieht das Äußere, den Körper. Und daraus ließe sich doch etwas machen. Wenn die Menschen nur genau hinsahen, konnten sie anhand der Mimik und Gestik schon viel über den inneren Zustand der anderen erfahren. Nach einiger Übung würden die Menschen sicher ein Talent dafür entwickeln. Und so erklärte Zeus auch die zweite Aufgabe für gelöst.“

Von da an erzählte Niels Karlsson seinem Sohn jeden Abend einen weiteren Teil der Geschichte, und jeden darauf folgenden Abend stellte Patrick ihm eine weitere Frage, die sein Vater ihm mit Hilfe der Geschichte erklärte.

Am dritten Tag lautete die Aufgabe: „Wie können die Menschen lernen, über das Morgen hinaus zu denken?“

Die Götter hielten auch dies für eine knifflige Frage, da sie meinten, die Menschen richteten ihr Verhalten stets nur an ihrer Umwelt aus. Doch schon bald fanden die Weltenlenker auch für diese Frage eine Antwort. Das göttliche Orakeln sei den Menschen zwar verwehrt, aber sie hätten doch die Fähigkeit, ihre eigenen Visionen zu entwickeln, wiederum mit Hilfe der Fantasie, und so fände jeder Mensch seine Inspiration in der eigenen Identität. Und dann fand man auf dem Olymp noch viele smarte Ideen, wie die Menschen lernen könnten, diese Inspiration besonders attraktiv zu gestalten.

Am vierten Tag lautete die Aufgabe: „Wie kann man schlechte in gute Laune verwandeln?“

Da stöhnten einige der Ewigen wiederum auf, diese Frage sei nun wirklich zu schwer. Doch da sie nun schon drei Fragen gelöst hatten und in der Art der Lösungsfindung schon ein erstes Muster zu erkennen war, gelang es ihnen auch dieses Mal. Denn die Götter kannten bereits den Funken der göttlichen Berührung. Nun galt es, dieses göttliche Prinzip auf ein menschliches Niveau zu bringen. Und so fanden die Götter heraus, dass Menschen gute Erfahrungen einfach mit Hilfe von geschickten Berührungen im rechten Moment speichern können.

Am fünften Tag lautete die Aufgabe: „Wie können Menschen neue Einsichten bekommen?“

Der erste Gedanke zur Problemlösung war schnell gefunden. Götter konnten die Meinung der Menschen ändern, indem sie die Macht der göttlichen Eingabe nutzten. Nun mussten sie nur noch herausfinden, wie die Menschen dies ohne olympische Macht erreichen können. Dazu erfanden sie ein Experiment. Sie stellten sich vor, Menschen zu sein, erfanden Rollenspiele und probierten die göttliche Eingabe aneinander aus. Göttliche Gedanken flogen hin und her, wer eben noch einen Menschen spielte, hatte im nächsten Moment eine Idee für eine Eingabe an einen anderen Darsteller, die Eingaben trafen den einen und verfehlten den anderen, hoben einander auf oder verstärkten sich, bis alle heillos verwirrt waren. Und so kamen sie auf eine neue Idee. Der Mensch musste lernen, seine Einsichten selbst umzudeuten. Und dazu eigne sich nichts so gut wie ein inneres Zwiegespräch.

Am 6. Tag musste Zeus den Kreis des Olymp verlassen, um am anderen Ende der Welt eine Krise zu schlichten. So übernahm seine Frau Hera heute die Führung und verlas die Frage: „Wie lernen Menschen, Gutes zu denken?“

Hier verhalf Morpheus zur richtigen Lösung, denn er sandte den Menschen die guten Gedanken in der bildreichen Sprache der Träume. Hier hieß es für ihn schon immer, geschickt die richtigen Bilder auszuwählen. Man müsse den Menschen nur beibringen, im Wachen ebenfalls über die inneren Bilder zu herrschen.

Am 7. Tag war Zeus wieder da. Die Frage lautete heute: „Wie können die Menschen der göttlichen Weisheit näher kommen?“

Nach Verlesung dieser Frage ging es auf dem Olymp heiß her. „Menschen und göttliche Weisheit? Was hat sich Kronos dabei gedacht?“ Aber schließlich gab es doch eine Möglichkeit. Nachdem am 6. Tage Morpheus den richtigen Gedanken hatte, war heute sein Vater Hypnos derjenige mit der zündenden Idee. Schließlich sang er die Menschen seit Anbeginn der Zeit in den Schlaf. Wenn man den Menschen seine Technik beibrachte, ohne den göttlichen Gesang preiszugeben, kämen die Menschen in einen Zustand der Versunkenheit, der der olympischen Weisheit ähnle, ohne sie preiszugeben.

8. Tag: „Wie können Menschen die Zeit verstehen?“ 

Nun hatten natürlich nur die wahren Götter und sonst niemand unumschränkte Kontrolle über Zeit, Raum und 

Materie. Doch die Menschen dürften wenigstens einmal schauen, wie die Zeit aussah. Sie könnten sich ein Bild davon machen, am besten eine Linie, die die Vergänglichkeit darstellt. So würden sie lernen, die lächerlich kurze Zeit, die ein Mensch auf Erden zur Verfügung hat, besser zu nutzen.

Nach 8 gelungenen Aufgaben waren die Gottheiten am 9. Tag bester Laune. Apollo hatte sogar eine Hymne über das göttliche Rätsellösen komponiert. Als Zeus die Aufgabe verkündete „Wie können Menschen lernen, gute Entscheidungen zu treffen?“, brachen viele der Götter erst einmal in schallendes Gelächter aus. „Menschen und gute Entscheidungen? Das lernen sie niemals!“ war der Tenor. Die dummen Menschen liefen einfach los und handelten, ohne zu denken, dabei zweifelten sie zur gleichen Zeit alles an und kamen nie zu einem Ergebnis. Als es auf dem Olymp wieder ernst geworden war, ergab sich so auch die Lösung. Die Menschen mussten lernen, erst zu denken, dann bewusst zu zweifeln und erst dann zu handeln. So würden sie zu viel besseren Entscheidungen gelangen.

Nun waren 9 von 10 Aufgaben gelöst. Als die Gottheiten sich am 10. Tag auf dem Olymp versammelten, waren viele von ihnen nervös, denn sie ahnten, dass an diesem Tag die schwerste Aufgabe auf sie zukommen würde. Bislang war alles sehr gut gelaufen. Was hatte sich Kronos für den letzten Tag ausgedacht? Und tatsächlich handelte es sich bei dem heutigen Rätsel um die alles entscheidende Aufgabe: „Findet einen Weg, den Menschen all dies beizubringen, ohne göttliche Macht zu benutzen oder als Ewige in Erscheinung zu treten.“

Lange waren die Weltenlenker ratlos und diskutierten über mögliche und unmögliche Lösungen. Erst als es schon dämmerte, begann ein Gedanke Gestalt anzunehmen: das Gleichnis war der einzige Weg! Nur in Form von Geschichten konnten die Götter den Menschen diese wichtigen Weisheiten lehren, ohne direkt in die Geschicke der Menschheit einzugreifen. Und so ersannen sie 10 Geschichten, in denen sie die neuen Weisheiten versteckten. Und sie erwählten einen Abgesandten, der als Mensch verkleidet durch die Welt ziehen und die Geschichten verbreiten sollte: Hermes wurde zum Götterboten gekürt. 

Zeus verkündete seinem Vater, dass die Aufgaben gelöst seien. Kronos zog sich auf die Insel der Seligen zurück. Die Gottheiten des Olymp begaben sich zurück in ihre Heimatwelten. Und Hermes zog aus, die Geschichten zu erzählen.

Niels Karlsson verstummte. Patrick war glücklich, denn er hatte eine intensive Zeit mit seinem Vater erlebt und über vieles im Leben nachdenken können. Natürlich hatte er immer wieder nachgefragt, was denn nun all diese Erkenntnisse bedeuteten und wie er sie umsetzen könne. Sein Vater hatte sich dann stets viel Zeit für die Beantwortung genommen. Und nun kannte er das Geheimnis, wie er auf dieser Welt glücklich werden konnte. Es gibt keine Fehler, nur Feedback. Deine Gefühle machst du dir selbst. Und du darfst dich jetzt für die wundervollsten Gefühle entscheiden und dir die schönsten Gedanken aussuchen. Patrick lächelte still vor sich hin. Nur sein Vater war etwas traurig. Denn er wusste, auch sein Sohn und er waren nur Teil eines Märchen, das irgendwann irgendwo einer kleinen Gruppe von Wissbegierigen erzählt werden würde, um ihre Kenntnisse über die Weisheit des Lebens zu festigen.

 

Heike Schwatke im Internet: www.dein-maerchen.de

Email: kontakt@dein-maerchen.de 

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