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Arved, der Fuchs, entstieg nach einem viel zu langen Mittagsschlaf seinem Bau. Es war immer noch drückend heiß und die gewittrige Luft war aufgeladen und bewegt. Arved schaute in die Runde und sah nichts als weite braune Steppe – “Na klar, was hätte sich in dieser kurzen Zeit auch ändern sollen?” sagte er sich. Diese Gleichförmigkeit der Landschaft, die – abgesehen von verschiedenen Braunabstufungen – dem Auge keine Vielfalt bot, förderte nicht gerade seine Neugier und seinen Tatendrang. Wie war er überhaupt in dieser Gegend gelandet? Er erinnerte sich, daß sein Drang, Neues zu lernen plus der Kampf ums Überleben getragen von Nahrungssuche ihn hierher getrieben hatte. Die tägliche Beute war nicht übel, aber allmählich hatte er die nicht gerade abwechslungsreiche Speisekarte satt. Arved hatte Kopfschmerzen, die der bereits eingenomme Melissengeist bisher nicht lindern konnte. Sein Magen knurrte, aber er verspürte nicht die geringste Lust, auf Jagd zu gehen. Durst hatte er auch – dieser staubtrockene Geschmack in seinem Maul ließ bereits die Zunge am Gaumen kleben. Sollte er sich ein neues Jagdrevier suchen? Arved hatte schon länger das Gefühl, daß er sich auf der Stelle bewegte, daß das Leben hier keine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten bot. Er befürchtete, daß seine Unzufriedenheit ihn völlig demotiviert und erfolglos in seinem Jägerjob werden lassen könnte. Während Arved so in Gedanken versunken durch das braune Gras trottete, durchfuhr ihn plötzlich ein stechender Schmerz in der rechten Vorderpfote. Er was in eine Distel getreten. “Oh nee, so ein Scheiß aber auch – das hat mir gerade noch gefehlt!” schimpfte er. “ Jetzt muß ich mich wahrscheinlich auch noch krankschreiben lassen. Da wird mein Chef ja richtig was zu meckern haben – dem kann ich es ja scheinbar sowieso nie recht machen.” Arveds Vorgesetzter hatte sich nämlich bereits über die Jagdquoten des letzten Quartals beschwert, obwohl Arved als einer der wenigen Füchse im Revier stets sein Soll erfüllte – und darüber hinaus. “Worüber
ärgerst Du Dich denn wirklich?” hörte Arved plötzlich hinter
sich sagen. Er drehte sich um und sah ein Erdmännchen neben dem
Eingang seines Baus auf einem kleinen Hügel stehen. “Ich fragte, worauf Du tatsächlich wütend bist?” Das Erdmännchen stellte sich auf die Hinterpfoten, um Arved in die Augen sehen zu können. Arved öffnete sein Maul, um diesem vorwitzigen Zeitgenossen einem entsprechenden Kommentar um die Öhrchen zu hauen – aber zu seinem Erstaunen blieb ihm bereits das erste Worte im Halse stecken. Er war verblüfft über die Wirkung, die diese Frage in ihm auslöste. “Ich heiße Jo”, sagte das Erdmännchen, ohne seine Antwort abzuwarten, “und ich sage Dir vorab, daß Du bei meinem Anblick nicht an Abendbrot denken brauchst”, und blickte dabei auf Arveds verletzte Pfote. Der Fuchs hatte tatsächlich gerade daran gedacht, diesem dreisten kleinen Lochbuddler mit einem gezielten Biß ins Genick ins Jenseits zu befördern – allein schon, um diese dämliche Fragerei abzustellen. Aber Jo hatte bei Arved einen Nerv getroffen. “Falls Du es genau wissen willst – ich ärgere mich über meinen Chef”, sagte Arved. “So, so”, erwiderte das Erdmännchen gedehnt, “da liegt also Dein Problem.” – Arved stutzte und horchte noch einmal in sich hinein. Er merkte plötzlich, daß da noch etwas anderes war – aber WAS? “Weißt Du”, erzählte Arved, “mein vorheriger Vorgesetzter war einfach klasse. Ein echter Bär, der immer vollen Durchblick und für alles Verständnis hatte. Ich weiß gar nicht, warum ich diesen herrlichen Dschungel verlassen habe, in dem ich arbeitete. Ich war immer satt. Und abends saß ich auf meiner Terrasse und erfreute mich an dem Ausblick auf das satte Grün, lauschte den Tiergeräuschen des Urwalds, genoß den Duft der Orchdeen in der Sonne und den exotischen Geschmack einer Mango auf meiner Zunge, trank einen Caipirinha und fühlte mich in dem heißen Klima wie im Urlaub… Und all das habe ich aufgegeben für…” – Arved blickte in die Ferne – “...für DIES hier.” “Du bist doch ein Fuchs, Arved”, sagte Jo, nachdem er den Beschreibungen seines Gegenübers aufmerksam gelauscht hatte. “Und ein Fuchs ist für seine Klugheit und seinen Mut berühmt…” Arved sah das Erdmännchen sprachlos an - worauf wollte Jo denn nun wieder hinaus? “Stell Dir doch einmal vor, es würde ein Wunder geschehen – wie sähe das aus? – was wäre anders?” Schon wieder so eine blöde Frage – aber Arved dachte über die Worte nach. “Tja, wenn ein Wunder geschähe – dann wäre diese triste Gegend ein tropischer Garten mit leuchtend bunten Blumen, ein würziger Duft läge in der Luft, eine lieblich-beschwingte Musik ließe sich vernehmen. Die Luft wäre – wie nach einem Sommergewitter – angenehm temperiert und erfrischend, und ich würde im Liegestuhl entspannt das weiche weiße Fleisch einer Kokosnuß genießen, nachdem ich ihre harte Schale geknackt habe. Meine Arbeit wäre gleich einer Reise auf einem fliegendem Teppich wie aus ‘Tausendundundeiner Nacht’ – sie läßt mich beschwingt sein und frei fühlen wie ein Falke – ja – fliegen möchte ich…” “Und dieses Gefühl kannst Du Dir jederzeit selbst schaffen”, zwinkerte Jo dem Fuchs zu, der kaum glauben konnte, was er da gerade erzählt hatte. “Dein Aufenthalt in der Steppe hat Dich viel gelehrt und mit Deinem Mut und Deiner Klugheit kannst Du nun etwas Neues zuversichtlich und erwachsener angehen.” Jo blickte auf Arveds Verletzung. “Und jetzt versorge ich Deine Pfote und geb Dir dann ein eiskaltes – natürlich alkoholfreies – Weizenbier aus. Auf diese Erkenntnis müssen wir doch einen trinken!”, sagte Jo fröhlich und gab einem immer noch verblüfft dreinschauenden Fuchs einen Schubs in Richtung seiner gemütlichen Erdhöhlenwohnung. “Ach – und – Arved – Du kannst jetzt den Mund zumachen….” |
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