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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Der mann mit dem koffer

Es war einmal ein Mann, der jeden tag mit dem Zug zwischen einer größeren Stadt, in der er wohnte, und einem kleinen ort, in dem er etwas wichtiges tat, hin- und herfuhr. der ort lag in einer kargen, trockenen und staubigen Gegend und bestand nur aus wenigen kleinen Häusern und einem großen, dunklen haus.

Auch heute ging der Mann, der immer einen schönen Lederkoffer bei sich trug, vom Bahnhof zu dem etwas abseits gelegenen großen grauen haus. der weg war unbefestigt und er musste über große Steine steigen. das war mühsam, aber er war gut ausgeruht und auch das pendeln zwischen der Stadt und dem kleinen ort und die öde Landschaft machten ihm nichts aus, denn er tat ja etwas wichtiges.

Als er das große haus am ende des steinigen Weges betreten und eine schwere Tür geöffnet hatte, befand er sich in einem riesigen Sitzungssaal mit einem langen Eichentisch, an dessen Schmalseiten je ein Stuhl mit einer sehr hohen lehne stand. auf dem einen Stuhl saß ein Mann in einem schwarzen Anzug vor einem riesigen Stapel wichtiger Papiere, der freundlich grüsste. auch der Mann widmete sich sofort einem großen Stapel wichtiger Papiere. ab und zu sagte einer von ihnen nach einer wichtigen Entscheidung, die der andere getroffen hatte: „da hast du das richtige getan.“ in der Regel verstanden sie sich gut, und wenn es einmal nicht so war, fragte der eine den anderen: „hast du das so gemeint?“

So verbrachten sie viele stunden. als er müde wurde, nahm der Mann seinen Koffer, kletterte über die Steine und fuhr mit dem Abendzug zurück in die Stadt, zufrieden mit seinem Tagewerk. er traf freunde, ging ins Theater, las ein gutes buch, trank ein glas wein.

So vergingen die Jahre. mit der zeit wurde die Begrüßung zwischen dem Mann und dem Mann im schwarzen Anzug immer kürzer, sie holten nicht mehr gegenseitig die Meinung über getroffene Entscheidungen ein und fragten nicht mehr nach, ob sie sich richtig verstanden hatten, und es kam sogar so weit, dass sie gar nicht mehr miteinander redeten und sich auch nicht mehr ansahen. dem Mann wurde der Mann im schwarzen Anzug, der nur für seine Papiere lebte, immer unsympathischer. die Papierberge wurden immer höher, und so musste der Mann immer öfter Papiere in seinem Koffer mit in die Stadt nehmen und sie dort bearbeiten. der weg über die Steine wurde immer mühsamer, denn er war fast nie mehr ausgeruht und frisch. er merkte gar nicht, dass er nicht mehr zufrieden mit seinem Tagewerk war, keine freunde mehr traf, nicht mehr ins Theater ging, kein gutes buch mehr las und kein glas wein mehr trank. schließlich bestand sein leben nur noch aus dem hin- und herpendeln zwischen Papierbergen in zwei zimmern.

Als er eines morgens wieder aus dem Zug stieg, regnete es. alles war grau und lag wie erstarrt unter den bleiernen Wolken. es war das Wetter, bei dem man keinen Hund auf die Straße jagt. der Mann fühlte eine unbestimmte Bedrohung und eine angespannte Wachsamkeit. auf dem weg zu dem großen haus rutschte er bei jedem zweiten schritt von den regennassen Steinen ab. zwischen zwei Steinen sah er eine widerliche durchnässte Ratte. als er die Tür zum Sitzungssaal öffnete, schlugen ihm eine unangenehme feuchte schwüle und ein fauliger, penetranter Geruch entgegen. er saht einen Teller mit fleckigen, überreifen Bananen und eine große weiße Nelke mit feinen roten rändern auf dem Tisch stehen, an dem der Mann im schwarzen Anzug wie immer stumm und starr und unsympathisch über seine Papiere gebeugt dasaß. als der Mann sich wie gewohnt auf seinen platz setzte und zum ersten Papier griff, sah er plötzlich sich selbst in seiner eigenen starre und Verspanntheit und er sah sich und den Mann im schwarzen Anzug in der gleichen Haltung am Tisch sitzen.

Er sprang auf. „ich bin ein eingeschlossener!“, dachte er entsetzt. er ergriff seinen Koffer, und mit einem letzten blick auf die Szenerie, in der er seine letzten Jahre verbracht hatte, verließ er das haus. wieder rutschte er auf dem weg zum Bahnhof auf den Steinen aus. einmal fiel er der Länge nach in den Schlamm und verlor fast seinen schönen Koffer. als er endlich angekommen war, stellte er fest, dass er noch viel zeit bis zur abfahrt seines Zuges hatte. er ging in das kleine Bahnhofsrestaurant. so niedergeschlagen und verwirrt sah er aus, dass ihn ein Mann am Nebentisch ansprach und ihn fragte, was ihm zugestoßen sei.

Da erzählte er, wie er sich gerade selbst in dem großen haus gesehen hatte, und dass ein eingeschlossener aus ihm geworden sei, und während er es erzählte und während der fremde nachfragte, sank er immer mehr in sich zusammen. „und was möchten sie lieber sein als ein eingeschlossener?“, fragte der fremde. ja, was wollte er lieber sein? „ein reisender will ich sein!“, rief er. „ich wünsche mir so sehr, in der Welt herumzureisen und eine neue Landschaft kennen zu lernen!“ „und woran werden sie erkennen, dass sie ein reisender sind?“, fragte der fremde. „daran, dass ich in Bewegung bin!“, rief er. „das hört sich gut an“, sagte der fremde, „und sie können ja jederzeit mit der Verwirklichung ihres Wunsches anfangen, jetzt oder später, ganz wie sie wollen!“ der Mann richtete sich auf aus seiner zusammengesunkenen Haltung und bestellte einen Espresso. der war viel zu stark und viel zu bitter - und er verabscheute alles, was bitter schmeckte - aber er belebte ihn auch und kräftigte ihn, so dass er sich bedankte und verabschiedete und sich daran machte, ein reisender zu werden.

Er vertraute darauf, dass er das konnte, denn er hatte schon einmal etwas, das er sich sehr wünschte, erfolgreich in die tat umgesetzt. er kaufte sich einen kleinen, schnellen Flitzer, der ihm das Gefühl von Unabhängigkeit gab. er nahm seinen Koffer und fuhr in eine Landschaft, die so gar nichts mit der Landschaft, in der er so viel zeit zugebracht hatte, zu tun hatte. hier war alles grün und bewachsen und es gab Wälder und wiesen mit Mohnblumen und Blumen in einem satten royalblau und er hatte einen weiten blick. es war windstill und angenehm warm, aber nicht zu heiß, und in der Luft lag ein dumpfes, gemütliches brummen. häufig hielt er an und stieg aus, um schnell, aber nicht hastig in den wiesen herumzulaufen, und er freute sich an dieser Bewegung und dem Gefühl, voranzukommen. einmal fand er ein Feld mit Erdbeeren, und er konnte gar nicht aufhören, die süßen Früchte zu essen. als er einmal in einem Landgasthof einkehrte, um einen latte macchiato zu trinken, traf er dort den Mann wieder, der ihm am Bahnhof in seiner Verzweiflung zugehört hatte. „sind sie nun ein reisender geworden?“, fragte der Mann. „ja“, sagte er, „das bin ich geworden.“ „und hat sich die Qualität ihres Lebens verändert?“ „ja“, antwortete er, „das hat sie. ich fühle mich jetzt frei und entspannt, obwohl ich auch weiterhin achtsam bin. allerdings frage ich mich manchmal, warum ich es so lange als eingeschlossener zwischen Papierbergen ausgehalten habe.“ „vielleicht können sie ihre Freiheit jetzt umso besser genießen“, sagte der andere. „und wollen sie jetzt ein reisender bleiben?“ „nein“, sagte der Mann, „jetzt spüre ich, dass es weitergehen kann in die Zukunft, jetzt will ich ein angekommener werden.“ „und welche art Mensch werden sie sein, wenn sie ein angekommener sind?“ „ich werde glücklich sein, strahlend, schwungvoll, im Aufbruch, aktiv und tatendurstig. ich sehe mich an einer neuen Wirkungsstätte.“

Und so verabschiedete er sich, um ein angekommener zu werden. er fand eine Landschaft mit weiten wiesen, Feldern, Wäldern, Meer, strand und Stadt, wo der Himmel blau und das Wetter immer schön und angenehm temperiert waren und ein leichter wind ging, der einen feinen duft von Orangen herantrug. die Luft war voller Musik, die ihn aufforderte mitzusingen. er war so glücklich, wie er sich gesehen hatte, er pfiff vor sich hin und war tatsächlich voller Tatendrang. er machte weite Spaziergänge und schritt mit lebhaftem und mit unternehmungslustigen Armbewegungen aus. er genoss die Farben, besonders einen sehr angenehmen, warmen orange-ton. er trank, wann immer er dazu Lust verspürte, ein glas
dom pérignon und gönnte sich ein Festmahl mit aufregenden, würzigen asiatischen speisen, deren leichte schärfe ihm besonders gefiel. zum Nachtisch aß er Erdbeeren, deren Süße er immer noch so schätzte, dass er gar nicht aufhören konnte zu essen. auf dem Tisch stand eine wundervolle, orangefarbene rose, der er zusah, wie sie sich entfaltete. als er einmal durch die nächste kleine Stadt bummelte, kaufte er eine Zeitschrift und fand in ihr ein sehr schönes Foto von einer Gazelle. da lächelte er, weil sie in ihrer Leichtfüßigkeit so gut zu ihm passte.

Dann öffnete er seinen schönen Koffer, weil er jetzt ein angekommener war. in dem Koffer fand er seine Erfahrungen, die angenehmen und auch die unangenehmen, aus denen er gelernt hatte und an denen er gewachsen war, und sie sollten im Koffer bleiben und mit in die Zukunft genommen werden. alles gelernte sollte in diesem Koffer gesammelt werden, aber der Koffer sollte nicht voller und auch nicht schwerer werden, so dass er mit leichtem Gepäck reisen konnte, wann immer er es für notwendig halten würde.

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