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Verfasser: Wolfgang Pfeiffer (P 49) Meine Geschichte spielt zu einer Zeit, als noch die alten, weisen Frauen um die geheimnisvollen Zauberkräfte wussten, die den Kräutern, Pflanzen, ja auch den Gefühlen und Einbildungen innewohnen. So ging an einem trüben November-Nachmittag ein gelehrter Magister nach seinem anstrengenden Tagwerk in den nahe gelegenen Wald, um Erholung zu suchen. Er litt nämlich unter einer mysteriösen Krankheit, die ihm die Kraft aus dem Mark saugte und ihm einen schweren Kopf bereitete: ständig spürte er einen stechenden Schmerz, mal schwächer, mal stärker, in seinem Hirn und im Geiste sah er sich schon dem Wahnsinn verfallen, so dass ihm vor lauter Angst und Sorgen der Kopf noch schwerer wurde. So in seine trüben Gedanken versunken war er , dass er das alte Weib, das ihm im Wald entgegen kam, erst bemerkte, als dieses ihn von der Seite ansprach. „Ei, feiner Herr! Ein wunderschöner Abend heut’, nicht wahr? Singen und Tanzen möchte man vor lauter Freude bei diesem herrlichen Nebelwetter!“ – „Weib, seid Ihr trunken? Der Kopf will mir schier platzen vor Schmerzen und in Nebel vermag ich kaum Weg noch Steg zu finden!“ – „Holla, alter Brummbär! Der Kopf drückt? So danket Gott dafür, wisst Ihr doch wenigstens, dass Ihr ihn am rechten Platz sitzen habt. Gestern sah am Friedhof einen ohne Kopf! Der wusste nicht mehr, wo er sich kratzen sollte!“ Der Magister schaute das Kräuterweib erstaunt an und lachte. „Seltsame Dinge erzählt Ihr mir. Wisst Ihr denn auch, wie meine Kopfschmerzen mir aus dem Kopfe fahren könnten?“ - „Ei, freilich, hoher Herr! Ihr müsst in Gedanken den Schmerz nur verteilen, so wie der Sturzbach, der über die Ufer tritt, sich ins flache Gras verteilt und an Kraft verliert. So wird auch der Schmerz schnell an Kraft verlieren und schließlich versiegen.“ Und während sie dies sagte, tanzte sie um ihn herum wie ein kleiner Kobold und begann zu singen...“Mein Bein tut weh, mein Bein tut weh / so wahr ich gleich zum Tanze geh!“ – „Ei der Dauss, Welch Kräutersüpplein habt Ihr getrunken, dass Ihr Euren Schmerz besingt?“ rief der erstaunte Magister aus. „Hab’ selber Medizin studiert / doch das ist mir noch nie passiert!“ Ein wenig außer Atem, aber nicht weniger fröhlich, antwortet das Kräuterweib: „Ich freu’ mich halt, dass ich nicht Eure Kopfesschmerzen leide / Dies gibt mir neue Kraft durch Freude“. Und dabei fasste sie sich mit der rechten Hand ans linke Ohrläppchen, gerade so, als wollte sie diese Freude dort festhalten oder hervorrufen. Der Magister wurde immer aufgeregter. „Ihr scheint ja selbst dem Übel Gutes abzuringen / Seht Ihr das hinter all den Dingen?“ Wieder kicherte die Alte. „Denkt immer daran: die Lösung findet Ihr nur bei Euch selber, grad’ so wie das Rätsel. Ist Euch der Kopf zu schwer, so habt Ihr vielleicht zu lang in der dunklen Studierstube gesessen und zuviel Schweres in den Kopf zu laden versucht. Ihr selber seid das Maß, die Grenze Eurer Kraft/Sagt Nein, wenn Ihr etwas nicht schafft!“ Der Magister schaute versonnen vor sich hin. Die Alte hatte eine seltsame Veränderung in ihm angestoßen. Zuerst dieses Lachen. Er hatte schon seit Monaten nichts mehr zu Lachen gehabt und nun ...Dann diese albernen Reime: „....sagt Nein, wenn Ihr etwas nicht schafft!“ – Woher wusste die Alte, dass er sich seit Monaten mit dem tiefschürfenden Problem der Quadratur des Kreises herumschlug, dass er nahe dran war an der Lösung, wenn nur diese verfluchten ... hä? Erstaunt sah sich der Magister um. Die Alte war genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Zügig und mit festen Schritten ging unser braver Magister weiter Richtung Friedhof. Ob er ihn dort auch treffen würde, den Mann ohne Kopf? Erwartungsvoll sah er sich um. Und tatsächlich: dort, nahe der Hinrichtungsstätte, sah er ihn, besser, hörte er ihn. Aus der Tiefe des kopflosen Torsos jammerte, ächzte und stöhnte es ihm entgegen. „Was jammerst Du, Gevatter Kopflos?“ – „ Mein Kopf, mein Kopf, die Schmerzen in meinem Kopf!“ Da lachte der Magister laut auf und rief: „Ach, stell’ er sich nicht so an! Das ist nur psychosomatisch!“ Drehte sich um und ging pfeifend von dannen. Berlin, im Dezember 2004 |
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