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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Die Reisen des Verdi

Ein greiser älterer Kaufmann aus dem Geist der uralten Überlieferung, pflegte in den zwanziger Jahren in den Städten, auf den Jahrmärkten, gewebte Teppiche zu verkaufen. Nicht ohne Mühe und recht wenig erfolgreich – denn die  „Volkskunst“ wurde damals nicht sehr hoch geschätzt.

Als „Zugabe“ zu seiner Ware erzählte er überlieferte Geschichten.

Die Menschen drängten sich an seinen Jahrmarktstand und lauschten, wie er erzählte.

Meine Urgroßmutter erzählte mir eine Geschichte, die ihre Mutter damals auf dem Jahrmarkt hörte und die über viele Generationen weitererzählt wurde.

Nun möchte ich auch Dir diese überlieferte Geschichte erzählen.

An einem großen Fluß in Europa lebte ein schöner junger Biber. Er war intelligent und hatte viele Interessen.

Umgeben von Tannen- und Fichtenwäldern lebte er in seiner engen und dunklen Höhle. Er war nicht sehr glücklich, in der letzten Zeit.

Vergeblich versuchte er, der Forderung immer mehr neue Dammbauten anzulegen, gerecht zu werden. „Man muß in Bewegung bleiben und nicht starr und unbeweglich seine Zeit verschwenden“, dachte er und leistete immer mehr Arbeit und hatte nur noch wenig Zeit für all‘ seine Hobbys. „Alles Starre, kann ich nicht leiden“ sagte damals schon sein Vater Puccini.

Diese unangenehme Schwüle und die heiße Luft des Sommers belasteten ihn sehr. Es erinnerte ihn an eine Sisyphusarbeit, oder das Gefühl gegen einen starken Wind anzugehen und nicht weiter zu kommen. Jedes Tier am Fluß kam zu ihm und forderte seine Hilfe ein und er war stets zur Stelle. Andere Biber in seinem Gebiet vernachlässigten ihre Aufgaben des Dämmebauens und erhofften natürlich Hilfe von ihm, die sie auch bekamen. Sie hatten ihn inzwischen zum Flußvorsitzenden gewählt. Manchmal hatte er das Gefühl, das schwarze Wasser stehe ihm bis zum Hals und würde ihn verschwinden lassen – wie in einem Schlund. In einem dunklem Loch würde er dann verschwinden.

Überall Wasser und überall wurde er gebraucht, um neue kunstvolle Dammbauten aus abgenagten Ästen zu bauen. Er war fleißig und konnte arbeiten – auch bei der ungeliebten Hitze war er stets an der Arbeit.

Wenn er durstig war, nahm er etwas vom Früchtetee zu sich. Dieser überalterte,  abgestandene Tee schmeckte bitter und erinnerte ihn an seinen letzten Krankenhausaufenthalt – damals, als er sich beim Dammbau die Vorderpfote brach.

Die dicke Katze Josephine, die alle Tiere am Fluß mit Lebensmitteln versorgte, war schon seit Monaten nicht vorbei gekommen und der Biber war auch nicht wirklich traurig darüber. Er mochte die fette, eklige Katze nicht besonders, weil sie mit ihren depressiv herabhängenden Schultern und dem zusammen

gesunkenen Körper seine Stimmung noch mehr drückte. Aber seit einiger Zeit ernährte er sich nur vom Früchtetee und den Granatäpfeln und dies war auch der Grund dafür, dass er sich freute, als er Josephine mit ihrem Floß ankommen sah.

„Hallo Verdi“ rief Josephine dem Biber zu.

Lange schon hatte er seinen Namen nicht mehr gehört. Hier in seiner Gegend war Leistung wichtig. Wenn er gebraucht wurde, war es brenzlig und eilig. Er wurde gerufen um Dämme zu bauen – möglichst viele und möglichst kunstvolle.

„Hallo Josephine“ rief er der Katze zu und bemerkte Freude in sich, Josephine wiederzusehen.

„Verdi, alter Freund, Du siehst ja furchtbar aus. Du arbeitest viel zu viel.“ „Danke für Deine Offenheit“ sagte Verdi zu Josephine.

„Du siehst toll aus“ sagte er. „Wo warst Du denn solange?“

„Ich war am Futurefluß. Er befindet sich in einer Landschaft, die ruhig gelegen ist und in der viel Grün zu finden ist. Nicht weit vom Meer entfernt, mit Dünen und Feldern von Erikapflänzchen. 

Verdi fing an zu träumen. Er sah Bilder der schönen Landschaft. Er sah das Meer, die Nordsee und viele Felder mit Erika.

Ein neuer Fluß mit anderen Tieren und weniger Arbeit, das wäre toll, dachte er. Aber wer soll dann die Dämme bauen? Was muß alles bedacht werden? Es ist viel zu planen, bevor man so einen Schritt wagt. Es wird sich eine Möglichkeit finden, dachte er und begann die Vor – und Nachteile abzuwägen.

„Hallo, bist Du noch anwesend?“ fragte Josephine. „Du überlegst, ob Du hier weggehst, stimmt´s?“ „Ach, Josephine, ich habe soviel Arbeit. Ich muß so viele Dämme bauen und habe Lust etwas Neues kennen zu lernen.“ „Ich möchte nicht stehenbleiben, weil ich Starrheit hasse.“ Josephine überlegte einen Augenblick, bevor sie antwortete und legte ihre Hand auf seine Schulter als sie sprach. „Viel Arbeit bedeutet doch auch, dass Du gebraucht wirst. Und die vielen Tiere, die Dich aufsuchen und um Rat und Hilfe bitten, zeigen mir, dass Du beliebt bist und gesehen wirst.“ Als Josephine dies sagte, nickte Verdi mit dem Kopf. Er bemerkte, dass es ihn faszinierte mit Josephine zu sprechen. Er hatte zuvor nicht erkannt, welche Fähigkeiten Josephine besaß. Er war viel zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen. Er wunderte sich, dass er  Josephine´s  Charisma  zuvor nicht bemerkt hatte.

Josephine verschwand für kurze Zeit, um den anderen Tieren ihre bestellten Lebensmittel zu bringen. Als sie zurückkam und bei Verdi anlegte, hatte Verdi all‘ seine Sachen gepackt und saß auf einem Koffer. Auf ihrem Floß hatte sich ein Kranich häuslich eingerichtet, so als ob er eine lange Reise vor sich hätte.

„ Komm´“, sagte Josephine. „Steig‘ schon mal auf, es geht sofort los.“ Josephine stellte keine Fragen, lächelte freundlich, schaute auf ihren linken Fuß und sagte: „Gerade eben, sagte ich zu mir, Verdi soll mitkommen.“

Sie fuhren los und machten an verschiedenen Stellen einen Zwischenstopp, um andere Tiere mitzunehmen.

Sie fuhren vorbei an Lindenbäumen, die den Orangenbäumen den nötigen Schatten schenkten. Die Fahrt war ruhig und alle konnten die grüne und frische Landschaft geniessen. Auf dem Floß war gute Stimmung. Inzwischen sind der Bär, die Eule und das Eichhörnchen zugestiegen. Alle hatten sie den gleichen Meilenstein zum Ziel. Mit dem Eichhörnchen verstand sich Verdi auf eine besondere Art. Sie hatten viel gemeinsam. Sie tranken zusammen Espresso, hörten die Musik der Renaissance, aßen Aprikosen und Orangen und lebten ihre Vorfreude auf die Zukunft voll aus. Vielleicht fühlten sich die mitfahrenden Tiere manchmal gestört, aber durch die lockere, entspannte Atmosphäre hatten alle ein Gefühl der Gelassenheit und das Gefühl etwas zu schaffen.

Sie fuhren vorbei an Seerosen und konnten dem Schauspiel des langsamen Öffnens der Blüten beiwohnen. Es war wundervoll. Sie versorgten sich auf dem Floß und jeder tat das, was er am Besten konnte. Verdi dachte, dass er so etwas nur träumen konnte. „Man gibt viel und erhält viel zurück“, schrieb er in sein

Tagebuch. Sie sahen auf ihrer Reise Felder von Lilien, auf denen sich der Morgentau spiegelte. Das Eichhörnchen mochte die feuchte Luft nicht besonders und teilte dies ständig mit. Verdi, der viel gelassener und befreiter als früher war, sagte irgendwann mal zum Eichhörnchen:„Die feuchte Luft und der Regen, lassen die Landschaft so wachsen, wie wir sie lieben. Vielleicht möchtest Du jetzt oder auch später einmal den Regen mit diesen Augen betrachten?“ Das Eichhörnchen fing an zu lachen und war verblüfft über die Schlauheit des Bibers. Das Eichhörnchen fragte Verdi, irgendwann auf ihrer Reise: „Wo befindest Du Dich, wenn Du angekommen bist?“ „Und was möchtest Du dort tun und wie tust Du es genau?“ „Was ist Dir dort wichtig?“ „Wie würdest Du Dich beschreiben und mit wem fühlst Du Dich verbunden?“ Verdi hatte viel Zeit über all‘ diese Fragen nachzudenken und für sich zu beantworten.

Auf der langen Reise hatte Verdi auch oft darüber nachgedacht, wie sich das Eichhörnchen in seinem kleinen Körper fühlen mag. Er versuchte sich in die Lage des Eichhörnchens zu versetzen und fragte sich wiederum, was dieses über Verdi, den Biber, denkt. 

Verdi genoss alle Erfahrungen auf seiner Reise. Die Tage waren erfüllt, er hörte viel Musik, steckte Blumensträuße aus Flieder und Lilien. Er schaute in die Nacht, den strahlenden und dunklen, blauen Himmel. Diese Gefühle der Vorfreude und der Aktivität liebte er sehr.

Als sie auf ihrer Reise einen Zwischenstopp einlegten, um Lebensmittel an Bord zu nehmen, erkundete Verdi das Festland.

Er kam zu einer Höhle und überlegte, ob er hineingehen sollte. Er ging hinein in die dunkle Höhlenöffnung, sie war geheimnisvoll und unheimlich. Er achtete auf seinen Atem, auf seinen tiefen, lebendigen Fluß, seinen Rhythmus. Verdi spürte die Ruhe in sich und ging weiter. Er ging in die Höhle hinein und entdeckte in einer Mulde ein Nest. Umgeben von leuchtenden Stoffen und getrocknetem Gras, getrockneten Blumen. Im Nest findet er ein Ei. Verdi beugt sich nieder und umfasst es mit den Händen. Er weiß, was dies zu bedeuten hat. Im Ei scheint sich etwas zu regen. Immer kräftiger wird es, als könnte es die Wärme der Hände spüren. Verdi fühlt wie es pocht, unsicher noch, zögernd. Er zieht die Hände zurück, und das Pochen hört auf, die Bewegung im Ei beruhigt sich. Schon ist es stumm. Er legt die Hände wieder um das Ei. Gleich fühlt er, wie es wieder erwacht, wie es sich wieder zu regen beginnt. Und zaghaft beginnt es zu pochen. Da ist er nun, in der Höhle mit den schimmernden Wänden, die Hände um das Ei geschlossen. Das Pochen wird stärker und stärker.

„ He, Verdi! Aufwachen“ ruft Josephine. „Wir sind angekommen“ „Wir sind am Futurefluß“.

Verdi war fassungslos vor Glück. Er hatte ein Gefühl von Freiheit, war entspannt und glücklich. Allerdings war er sich nicht sicher, die Höhle und das Ei nur geträumt zu haben...Hatte er geschlafen?

Josephine hatte, genauso wie er, die Hände in den Hosentaschen. Er hatte das Gefühl, die Körperhaltungen waren irgendwie ähnlich, als sie sich auf das Aussteigen vorbereiteten.

Er stieg vom Floß und sah die Meereslandschaft. Er sah Dünen und das Meer. Eine Champagner-Bar unmittelbar an der Anlegestelle lockte ihn an. Er trank Champagner, genoss die wohl temperierte Luft von fast 25°.

Mit seinem Glas in der Hand lief er durch den Sand. Ein leichter Wind durchwehte sein Haar und der Geschmack von salzigem Wasser machte sich breit. Etwas weiter entfernt sah er ein großes Feld mit Blumen. Feldblumen, Margeriten und Mohn waren vereint als großes weites Feld. Der blaue Himmel war faszinierend. Verdi schaute in diesen Himmel und entdeckte einen Schwarm Wildgänse. Eine Wildgans rief ihm etwas zu: „Hallo Verdi, herzlich Willkommen im Land des Futureflußes. Die Hälfte der Tat, bedarf darin, angefangen zu haben.“ Noch bevor er lange darüber nachdenken konnte, kam eine Eule vorbei geflogen. Als sie ihn sah, nahm sie auf einem der Heidekrautbüsche Platz und sagte: „Die einzige Freude auf der Welt ist das Anfangen. Es ist schön zu leben, weil Leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.“

Verdi war glücklich und sicher die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Den Preis, den er für seine Entscheidung zahlen musste, hatte er einkalkuliert und sich nach reiflicher Überlegung entschieden, ein anderes Leben zu beginnen. Er war sicher, sich für die beste Wahl, die ihm zu dieser Zeit zur Verfügung stand, entschieden zu haben.

Er rief Erinnerungen aus der Vergangenheit wach, indem er sich sein Leben „von oben“ ansah. Er schaute aus der Vogelperspektive auf sein Leben. Schwebte in die Höhe und genoss jede Gegebenheit. Aus der Vergangenheit suchte er sich Erinnerungen, die ihn glücklich gemacht hatten und erlebte diese auf ein Neues. Er schwebte auch in seine Zukunft, in der er glücklich und ausgeglichen lebte. Er schaute sich dieses Ereignis an, das er wirklich wollte und das geschehen sollte.

Manchmal schaut Verdi hinter sich. Er entdeckt Spuren im Sand. Diese Spuren sind wie golden. Sie leuchten ein Weilchen und verblassen dann langsam, weiter hinter sich. Irgendwo vorne entdeckt er dann einen Pfad und geht diesen Pfad, in jedem Schritt das Vergehen der Zeit. Und hinter Verdi, dieses Leuchten und das Vergehen des Leuchten. Vor ihm die sprießenden Blumen....

Man erzählte sich viele Jahre später, dass ein Biber als Berater durch die Lande reiste und anderen Tieren, die Probleme mit Leistung, Führung und Zeitmanagement hatten, beim zielorientierten Bearbeiten behilflich war.

Er soll weiterhin am Futurefluß leben und mit seiner Frau, die ähnliches erfahren hat, ein sorgenfreies, schönes, aktives, entspanntes Leben führen. Man erzählt sich, dass sie zeitweise auch auf einem Segelschiff leben und der Wind sie nach „hier und dort“ treibt. Eine Kranichfamilie soll sich auf dem Segelboot untergemietet haben und diese Verbindung bringe Ihnen viel Ruhe und Kraft.

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