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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Der Schakal

Es war einmal…

Ein lauer Frühlingstag. Aus dem Radio tönt die allseits beliebte Melodie von Breathe von der Band Midget Ure.  „Der Schakal“, wie ihn seine Freunde nennen, ein sympathischer Großstadtkiller von nebenan, sitzt auf seiner Terrasse und schlürft eine Tasse Shaki-Tee. „Hmm, lecker!“, denkt er sich und freut sich über das kreative Terracotta-Muster in gelb-blau, mit dem er die Terrasse selbst gefliest hat. Und während er die kühle Brise genießt (Windstärke 5, wie die Sprecherin im Radio grade mit sachlicher Stimme vorträgt), blickt er in den blauen Himmel, mit den vorüber ziehenden weißen Wolken…

Und er erlaubt sich, seine Gedanken treiben zu lassen. Auf seinem Korbstuhl sitzend erinnert er sich an damals, als er noch mit seinen Kindern Hänsel und Gretel auf dem verlassenen Fabrikgelände wohnte. Wie einfach, aber auch langweilig war das doch gewesen. Der Tagesablauf war klar, nach dem Aufstehen erstmal eine Cola mit Cognac, dann die Kinder wecken. Hänsel schickte er zum Spielen mit den Hyänen. Gretels Lieblingsbeschäftigung war es, in dem lehmgrauen Fabrikgelände zwischen dem Bauschutt Unkraut zu pflücken, das die verlassenen Bauten langsam zurück eroberte. Einmal hatte Gretel sogar eine schmutzig-grüne Kamille entdeckt. Der Schakal selbst machte sich dann zur Arbeit auf. 

Meistens war die schwüle Hitze eher unangenehm, erinnerte er sich, eine richtige Suppe, dieser graue, undurchdringliche Himmel. Die banalen Gespräche mit den Kollegen waren auch nicht besonders inspirierend. So nahm er sich lieber Zeit für sich selbst, …lief in dem Bauschutt umher… oder machte eine Pause, legte die Füße hoch und pfiff zu der im Wind quietschenden verrosteten Stahltür ein lustiges Liedchen (<„Spiel mir das Lied vom Tod“ pfeifen>). Abends kam er meist klebrig geschwitzt von der schwülen Hitze nach hause und berichtete den Kindern von den Erlebnissen seines Tages. Später brachte er sie in ihre Käfige, und bevor er in seinen stieg bereitete er noch die Stinkfrucht für den nächsten Morgen vor. Die Erinnerungen an diese moderig saure Frucht reißen den Schakal wieder in das hier und jetzt zurück, und er muss sauer aufstoßen. Er öffnet wieder die Augen und blinzelt von der hellen Sonne. „Toll, wie viele deiner Ziele du schon erreicht hast!“, sagt er zu sich selbst. Ein Blick in seinen Terminkalender zeigt ihm: Termine, Termine, Termine! Der Tag ist von Anfang bis Ende durchgeplant: Hänsel und Gretel vom Schultor abholen, danach gleich das Treffen mit den bunten Fischen zum Schnorcheln… Vielleicht springt da ja ein neuer Auftrag raus? 

Und da fällt es dem Schakal siedend heiß ein: Die Verabredung mit den Winterlingen zum Papaya essen… Er hat sie tatsächlich vergessen! Ausgerechnet die Winterlinge, die so nachtragend bezüglich des Vergessens so wichtiger Termine sind, hat er versetzt. Und mit den wichtigsten Vertretern der floristischen Abteilung der Profikiller-Gewerkschaft ist nicht zu spaßen, weiß der Schakal. Was werden wohl die Konsequenzen dieses Debakels sein und wie kommt er da wieder raus? Fieberhaft denkt er nach, es muss doch eine Lösung geben… Vielleicht würden sich die Winterlinge mit einer Kiste guten Rotweins besänftigen lassen? Nein, keine gute Idee, fällt dem Schakal ein, Winterlinge würden wohl keinen Wein wollen, Wasser wäre wohl eher ihre Wahl. Blumen sind ja meistens nicht so interessiert an alkoholischen Getränken. Was würde ihm wohl sein Freund, der Verbandsvorsitzende für einen Tipp geben, der mit solchen Situationen bisher immer gut zurecht gekommen war?

In diesem Moment klingelt es an der Tür. Panik steigt im Schakal auf, sollten sie das etwa schon sein? Würden die Winterlinge jetzt etwa bittere Rache nehmen, die kleinen gelben Biester, die für ihr skrupelloses Verhalten in der Szene berüchtigt sind? Tief atmet der Schakal durch. „Ruhig Blut, alter Knabe, du hast schon ganz andere Situationen überstanden!“, sagt er zu sich selbst und denkt über eine gute Erklärung nach. Langsam geht er zur Tür und spinnt sich eine Geschichte zusammen, die er zu seiner Entschuldigung vortragen kann.

Entschlossen greift der Schakal zum Türknauf und öffnet. Erstaunt sieht er einen Pinguin  mit einem Strauß Rosen auf der Fußmatte, der mit seinen Füßchen die darauf stehenden Worte „Herzlich Willkommen!“ halb verdeckt. „Ich komme als Gesandter der Winterlinge“, beginnt der Pinguin in geschäftlichem Tonfall, „und habe den Auftrag, Ihnen die Entschuldigung für das Nichterscheinen der Winterlinge zu dem heutigen Treffen zu überbringen, sehr verehrter Herr Schakal. Hier, bitte, die Rosen. Alles Weitere wollen die Winterlinge bei einem Ausflug am nächsten Wochenende mit Ihnen besprechen. Der Trip ist schon gebucht, unterschreiben sie hier, hier und hier.“ Verwundert nimmt der Schakal den Stift, den ihm der Pinguin hinhält und unterschreibt die Formulare an den angekreuzten Stellen. „Am nächsten Sonntag“, fährt der Pinguin fort, „holen wir Sie um 10 Uhr mit der Limousine ab und bringen Sie zum Hafen. Dort steigen Sie auf unsere Yacht, die „Guinness“ um und werden in Richtung Leuchtturm aufbrechen. An Bord werden Sie bei leichtem Wellengang und einer kühlen Briese das gute und die klare Sicht genießen. Zum Mittagessen servieren wir Scampis mit Thymian-Sauce na frischem Mango-Soufflé. Nach einem kleinen Schläfchen, in das Sie sich von den leise rauschenden Wellen wiegen lassen können, kommen wir am frühen Nachmittag am Leuchtturm an. Dort treffen Sie die Winterlinge zu einem vertraulichen Gespräch, über dessen Inhalt ich nicht informiert bin. Die Winterlinge müssen große Stücke auf Sie halten, werter Herr Schakal“, merkt der Pinguin an. „Der Abend steht Ihnen dann zur freien Verfügung. Sie sind eingeladen, beim Sonnenuntergang einen langen Spaziergang zu machen, durch die weiten Marschlandschaften auf der Halbinsel hinter dem Leuchtturm… Genießen Sie das kräftige grasgrün der Marschlandschaften, den Horizont, die unendliche Weite…“ Lächelnd stellt sich der Schakal diesen Ausflug vor, und als er die Augen wieder öffnet stellt er fest, dass der Pinguin längst wieder weg ist.

So steht der Schakal verträumt mit den Rosen im Türeingang und überlegt, wie viel Zeit wohl vergangen sein mag. Ein Blick auf die Uhr sagt ihm, noch eine halbe Stunde bis zu den nächsten Terminen. „Die Zeit kannst du nutzen, um noch etwas zu entspannen!“, sagt er sich und geht wieder auf die Terrasse.  

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