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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Die Schildkröte

Es war einmal eine Schildkröte, die ein ordentliches Leben in einem ordentlichen Garten lebte. Der Garten war ihr sehr vertraut. Sie kannte alle Ecken, die Gemüseecke mit den geschmacksneutralen Salaten, die Blumenecke, zwar schön aber nicht wirklich reizvoll, die Ecke, wo man sich sonnen konnte falls es Sonne gab, die gepflegten Wege auf denen man selten spannende Wesen traf.

Die Schildkröte erledigte routiniert ihr Tagesgeschäft und erinnerte sich dabei an die Geschichte von dem alten und weisen Frosch, der sie manchmal besuchte. Der Frosch hatte schon viel von der Welt gesehen und redete gerne. Er hatte ihr von einem wunderbaren, üppigen Schlossgarten erzählt in dem es alles gab, was das Herz begehrt. Schon oft hatte die Schildkröte von dem Garten geträumt und hätte ihn so gern besichtigt. Das war aber eine lange Reise, kostete Zeit und Geld und sie hatte sich bis jetzt nicht getraut.

Eines Tages träumte sie einmal mehr sehnsüchtig von dem Schlossgarten als sie in sich eine leise Stimme hörte: „Worauf wartest du? Es bringt nichts alles zu verschieben! Probier doch mal! Ist es nicht Zeit etwas Neues zu lernen und deine Träume zu verwirklichen? „Diese Worten wirkten wie ein Wunder und mit neuem Mut fasste sie sofort den Entschluss, die Reise zu unternehmen.

So machte sich die Schildkröte auf den Weg. Ihre Neugier auf den sagenumwogenen Schlossgarten ließ sie sogar das bevorstehende freie Wochenende vergessen. Es war ein grauer mit Wolken verhangener Tag, eigentlich kein Tag von dem man erwarten würde, das etwas besonderes an ihm passiert. Nicht einmal die Vögel wollten so richtig aufwachen, nur der Wind, der durch die Baumwipfel rauschte, war zu hören. Diese frische Morgenluft ließ die Schildkröte sich um die Nase wehen und obwohl sie noch nicht wusste, wo genau die Reise hingeht, wie lange sie dauern würde oder ob sie überhaupt an ihrem Ziel ankommen würde, lief sie mutig los. 

Wie inspirierend diese neue Landschaft doch war. Schon seit langer Zeit hatte die Schildkröte ihren Garten, ihre eigene kleine Welt, nicht mehr verlassen. Noch ein Mal warf die Schildkröte einen Blick zurück zu ihrem guten alten Zuhause, dass schon weit weg war, nur noch ein kleiner Punkt, so viele Schritte war sie schon gegangen. „Bis bald!“, dachte sich die Schildkröte. So ging sie weiter, setzte einen Fuß vor den anderen, in ihrem Tempo, denn auch wenn die Schildkröte neugierig war, eilig hatte sie es ja nun auch nicht. Mit ruhigem Atem ging sie weiter und weiter und fühlte sich einfach gut.

Nach einiger Zeit wurde sie müde. Die Schildkröte war schon viele Stunden gelaufen, ihr Magen knurrte und ihre Füße taten ihr vom vielen Laufen auf dem steinigen Boden weh. Sie fragte sich: „Lohnt es sich überhaupt weiterzugehen?“ Sie setzte sich an den Wegesrand und überlegte. Und je länger sie überlegte, desto unsicherer wurde sie. Verzweiflung machte sich in ihr breit. Was, wenn das alles ein großer Fehler war? Vielleicht hätte sie doch besser zuhause bleiben sollen...?

Plötzlich hörte sie ein Geräusch aus dem Gebüsch, nur ein leises Knacken, aber laut genug für die vorsichtige Schildkröte. Sie erschrak fürchterlich und zog sich sofort in ihren Panzer zurück. Die ganzen möglichen Gefahren, die diese Reise mit sich bringen konnte hatte sie ja noch gar nicht bedacht! Angespannt wartete die Schildkröte, was als nächstes passieren würde. Sie lauschte und hörte eine leise Stimme. „Komm heraus aus deinem Panzer!“ sagte die Stimme freundlich, „Es ist alles in Ordnung.“ Diese Stimme kannte sie doch... Natürlich, das war doch der Frosch. Vorsichtig lugte sie aus ihrem Panzer und sah den Frosch, der sie mit seinem grünen breiten Maul anlächelte. Erleichtert lächelte die Schildkröte zurück und erzählte ihm von ihrem Plan, den Schlossgarten zu suchen. Der Frosch schaute sie wissend an und sagte: „Was für eine wunderbare Idee. Und ich bewundere deinen Mut! Ich gebe dir noch einen besonders wichtigen Rat, höre mir gut zu. Halte die Augen offen und denke immer an dein Ziel. 

Um dich dabei zu unterstützen, werde ich dir diesen magischen Kiesel geben. Wann immer du in Gefahr bist, wird er dich schützen. Wann immer du eine Lösung brauchst, du wirst sie erlangen! Hier, fass ihn ruhig mal an.“ Die Schildkröte tat wie ihr geheißen und spürte die glatte Oberfläche des matt glänzenden Kieselsteins. Dabei sagte der Frosch mit tiefer hypnotischer Stimme: „Nun denke an den wunderbaren Schlossgarten, und sieh dich selbst, wie du dort angekommen bist. Sieh, wie du dich unter seine mächtigen Bäume in den Schatten setzt. Spüre dein Verlangen, an diesen wundervollen Ort zu kommen!“ Die Schildkröte stellte sich den üppigen Garten vor und malte sich die Farben der Bäume aus und sah sich, wie viel kleiner sie im Vergleich zu den riesigen uralten Eichen war. „Und jetzt“ fuhr der Frosch fort, „Schlüpfe hinein in dieses Bild! Rieche die lieblich duftenden Blumen, die dort wachsen und höre das Vogelgezwitscher das du dort von den Wipfeln hören kannst. Schmecke den köstlichen Salat, der dort wächst und spüre diese Zuversicht in dir, spüre den Mut und die Kraft...“ Ja, wie schön! Wohlig träumte die Schildkröte vor sich hin... „Hallo! ... Darf ich dir jetzt endlich den Weg erklären? Ich muss auch mal so langsam weiter.“ Die Schildkröte blinzelte kurz verwirrt und sah wieder den Frosch vor sich sitzen, den sie irgendwie einen Moment lang total vergessen hatte. Die Schildkröte steckte den Kieselstein ein und hörte sich aufmerksam die Wegbeschreibung an, die ihr der Frosch gab. Dann dankte sie ihm und während der Frosch im Gras verschwand, ging sie fröhlich und voller Zuversicht weiter. Mit neuer Energie, voller Kraft und Tatendrang folgte sie dem Weg. So wanderte die Schildkröte weiter und viele Tage vergingen.

Und so kam es, dass die Schildkröte an einem warmen Sommertag am Fuße einer Treppe ankam.  Sie guckte die Treppe hoch und am Ende der Stufen sah sie ein mächtiges Tor. Die Schildkröte freute sich, das musste das Schloss sein. Jetzt war sie ihrem Ziel so nahe. Sie kletterte Stufe für Stufe nach oben, bis sie vor dem großen mit Eisen beschlagenen Tor stand. Höflich klopfte sie an. Nach einer Weile öffnete sich das Tor langsam mit einem lauten Knarren. Zwei Wächter traten heraus. „Was ist dein Begehr?“ fragten die beiden wie aus einem Mund „Ist das hier das Schloss?“ fragte die Schildkröte. „Das Schloss, ja, das ist das Schloss.“ antworteten die beiden lächelnd. Da freute sich die Schildkröte, sie hatte es geschafft! „Dann möchte ich bitte in den Schlossgarten!“ „Hm hm, ach so, du möchtest in den Schlossgarten.“ antworteten die Wächter unisono. „Dafür brauchst Du vom Gartenbauamt Formular 2 Anlage D. Das füllst du dann aus und wirst damit beim Sekretär des Königs vorstellig. Dort kannst du einen Termin für eine Audienz beim König beantragen. Dazu solltest du unbedingt ein Geschenk für den König mitbringen. Vielleicht macht er ja für dich eine Ausnahme. Nebenbei bemerkt,“ zwinkerte ihr der Wächter zu, „der König liebt Gold und Diamanten!“ Die Schildkröte dachte nach. Woher sollte sie ein Geschenk für den König nehmen? Und: habt ihr schon mal eine Schildkröte schreiben sehen? „Das kann doch nicht wahr sein!“, dachte sich die Schildkröte. Sie wurde sogar ein wenig zornig und fragte ungehalten: „Kann ich den Schlossgarten wenigstens besichtigen?“ Wenn sie erst mal da war konnte sie sich vielleicht verstecken. „Wenn wir dich richtig verstehen willst du den Schlossgarten wenigstens besichtigen,“ erwiderten die Wächter. „Dafür ist das Prozedere im wesentlichen das Gleiche, nur dass du Anlage F ausfüllen musst.“ Die Schildkröte war verzweifelt. Diese blöden Wächter. Hatten die denn nichts besseres zu tun? Und was sollte sie jetzt tun? Der weite Weg, all die Strapazen, alles umsonst. Die Schildkröte fühlte sich klein und hilflos. 

Eine kleine salzige Träne kullerte ihr aus dem Auge. Das sahen die Wächter. Irgendwie mochten sie die Schildkröte und es tat ihnen leid, dass sie unglücklich war. „Schau mal, wir verstehen dein Interesse ja. Der Schlossgarten ist bestimmt sehr reizvoll für dich. Aber betrachte doch mal die Angelegenheit aus unserer Position. Wir haben hier auch nur einen Job zu erledigen. Wenn wir dich hier so einfach durchließen, würden wir jede Menge  Ärger kriegen. Die Strafen sind echt hart, Enthauptung und so... Außerdem, das weiß ja wirklich jeder, ist allgemein bekannt, dass Schildkröten gerne Salat essen. Und der König isst auch gerne Salat. Wenn du also in den Garten gelassen wirst, dann isst du noch dem König seinen Salat weg. Es geht wirklich nicht! Wir können dir leider echt nicht helfen.“

Traurig stieg die Schildkröte wieder die Treppenstufen herunter. Sie weinte und weinte. Langsam trottete sie den Weg zurück und schluchzte vor sich hin. So laut war das Schluchzen, alle Tiere in der Umgebung hörten die traurige Schildkröte. Auch dem Frosch entging das nicht. Den Klagelauten folgend hüpfte suchte er, wer den da so verzweifelt war. So fand er die Schildkröte. Er tröstete sie und fragte sie, was denn passiert sei. Nachdem die Schildkröte ihm die Situation erklärt hatte, sagte der Frosch: „Das ist doch nicht so schlimm. Kopf hoch, du schaffst das! Du hast auf jeden Fall schon mal viel gelernt, wie Behörden so funktionieren.“ „Okay, so kann man das auch sehen“, dachte sich die Schildkröte, aber zufrieden war sie dadurch auch nicht. „Erzähl mir doch noch etwas von deinem Traum, diesen Garten zu finden“ fuhr der Frosch unbeirrt fort. „Was würdest du dir denn jetzt wünschen, was sollte passieren? Und wenn du dich mal ganz kritisch selbst fragst, was daran noch zu bedenken ist, was könnte das sein? Vielleicht hast du ja noch irgendetwas dabei vergessen... Und erzähle mir, was sind denn die nächsten Schritte, die sich für dich ergeben, so ganz realistisch...“ So fing die Schildkröte an, die Situation aus den verschiedenen Positionen neu zu betrachten. Sie träumte von dem Finden des Gartens, sie haderte mit sich, was dabei noch zu berücksichtigen war und überlegte sich, was die nächsten sinnvollen Schritte waren. Immer schneller drehten sich ihre Gedanken, bis ihr fast schwindlig wurde. Da fiel ihr plötzlich auf, dass es ja noch ganz andere Wege zum Ziel gab. Wenn sie in den Schlossgarten wollte, aber nicht an den Wächtern vorbei kam, dann gab es doch bestimmt noch einen anderen Weg ins Schloss! „Ich sehe, du hast verstanden!“ sagte der Frosch, „Und vergiss den magischen Kiesel nicht...“ rief er noch und hüpfte ein fröhliches Lied pfeifend davon.

Wieder einigermaßen aufgebaut guckte sich die Schildkröte um. „Ach ja, der Kiesel,“ sagte sie zu sich selbst. Sie kramte ihn hervor und berührte ihn sanft, so wie der Frosch es ihr gezeigt hatte. Da durchfloss die Schildkröte ein sanftes Kribbeln. Ihr Mut und ihre Zuversicht kamen wieder. Ihr Atem ging tiefer und sie richtete sich innerlich auf. Es war als würde eine kraftvolle Aura sie umgeben. Als wäre es Magie, zauberte sich ein Lächeln auf das Gesicht der Schildkröte. „Ich muss nur die Augen offen halten, dann klappt das schon!“, dachte sie sich. So ging sie weiter auf dem Weg entlang und mit wachem Auge und Verstand guckte sie sich um. Ihre Blick blieb an etwas hängen. Da, an der Schlossmauer, da war doch was... Die Schildkröte ging auf den Punkt zu... Richtig, ein Loch in der Mauer! Ohne weiter zu überlegen schlüpfte sie hindurch.

Stolz, endlich eine Möglichkeit gefunden zu haben den Garten zu betreten, guckte sie sich neugierig um und krabbelte langsam auf den gepflegten Wegen. Das war ein traumhafter Garten: riesige Sonnenblumen, die ihren Goldenen Köpfe im Wind neigten, Rosenbüsche mit leuchtenden Farben, duftende Lavendelsträucher, Geißblatt, Tulpen und tausend anderen Blumensorten, Marmorbrunnen, uralte Bäume! Völlig benommen von all dieser Schönheiten setzte die Schildkröte ihren Weg fort und entdeckte eine saftige Wiese und dann noch einen riesigen Gemüsegarten mit prächtigen Salaten, welche sie sofort anfing zu fressen, da sie hungrig war. Es schmeckte wunderbar und sie kaute genüsslich. Als sie satt war, schlief sie ein. Auf einmal hörte sie

ein Glockenläuten, das ihr irgendwie bekannt vorkam. Etwas irritiert, erwachte sie, wackelte mit dem Kopf und überlegte ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Plötzlich bemerkte sie eine Ecke, die sie bis jetzt vernachlässigt hatte. Sie staunte sich nicht schlecht. Da stand ihr eigenes Schildkrötenwohnhaus. Etwas verwirrt verglich sie innerlich das, was ihr von früher bekannt war mit ihrer neuen Umgebung, wie der Salat früher geschmeckt hatte und wie er jetzt im Schlossgarten schmeckte, was sie früher in ihrem Garten gehört hatte und was sie jetzt im Schlossgarten hörte, die summenden Bienen auf der Wiese, das Vogelzwitschern, das Rauschen des Windes in den Blättern. Könnte es sein, dass - auch wenn jetzt alles so viel anders und schöner war - der Ort doch der gleiche war? Hatte vielleicht die lange Reise ihre Wahrnehmung verbessert und ihr Bewusstsein erweitert? Voller Liebe schaute sich die Schildkröte das Blumenbeet an und roch die frische Luft in ihrem Garten. Da lächelte sie. Selbstbewusst und zufrieden sagte sie zu sich selbst: „Die Welt ist so schön, guck einfach hin!“ und beschloss in regelmäßigem Abstand wieder die Welt zu entdecken. 

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