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Es war einmal .... Es war einmal vor langer Zeit an einem abgelegenen Ort ein Tal zu finden. Ein Tal, welches grün getränkt war, aber manchmal unter einer riesigen fast undurchdringlichen Nebelglocke verloren ging. Häufige Graupelschauer ließen das Tal in einem trüben Grau erscheinen und sorgten auch nicht unbedingt für wohlige Temperaturen ... Mitten in diesem Tal, versteckt und zurückgezogen zwischen den Bäumen, lebte ein Siebenschläfer. Viele Jahre verweilte er schon an diesem Ort. Er war im Gegensatz zu den anderen Siebenschläfern sehr groß, lang und dünn. Auch bevorzugte er einen ungewöhnlichen Schlafplatz – nämlich unter der Erde. Dort war sein Reich. Wie ein Maulwurf grub er Gänge um Gänge. Nicht selten kam es vor, dass er in seinem Eifer mit einem anderen Erdbewohner zusammenstieß. Dann brabbelte er etwas vor sich hin und grub weiter. Auf eine Unterhaltung mit einem blinden Maulwurf hatte er nun wirklich keine Lust. Die tappten den ganzen Tag im Dunkeln und buddelten sinnlos herum. Was konnten die ihm schon erzählen... er hatte wenigstens schon die Welt gesehen, er wusste, dass es dort oben Tag und Nacht gab, er wusste, dass die Bäume ihr Kleid im Laufe des Jahres wechselten, er wusste, dass zur bestimmten Zeit Tierbabys die nächtliche Ruhe mit ihrem Gejammer störten, später dann voller Hast das elterliche Heim verließen, um reumütig wiederzukehren, er wusste auch, dass mit dem Schritt der Zeit, das Leben mühsamer und einsamer wurde, dass jeder Tag seine eigene Schwere mit sich brachte. Um dieser Lebensunruhe zu entfliehen, hatte er nach Verlassen seiner Kinderstube beschlossen, in die Unterwelt zu gehen, dort sein Heim zu errichten, ungestört und weit weg von jeglichem Lärm zu leben. Immer seltener verließ er sein vertrautes Domizil. Er vermisste nichts, nur manchmal dachte er an die alte Eule in der knöchernen Eiche. Mit ihr hatte er als er noch Kind war, bis tief in die Nacht hinein erzählt, ihren Weisheiten und Geschichten gelauscht. Wenn er betrübt war, sagte sie oft zu ihm: „Mein Junge, liegt der Schleier des Trübsinns auf deiner Seele, so schließe die Augen und erstelle ein Bildnis, welches vor Liebe und Freude glühend fließt, steige in dieses Bildnis, koste von dem süßen aber wildem Wein, verlasse nun das Bild und trage es fortan in deinem Herzen.“ Das wirkte Wunder. Aber das ist lange her. Nun war er erwachsen. Eben damals... Jedoch eines Tages geschah etwas Seltsames: wie sooft machte er sich auf den Weg, um einen neuen noch längeren und noch tieferen Gang zu graben. In der linken Hand seine viel benutzte Schaufel und in der rechten Hand seinen Verpflegungsbeutel. Darin waren ein Krug gefüllt mit Bier, welches schon leicht schal schmeckte, und eine halbe Kartoffel, welche er nur zu gerne aß. Während er emsig Schaufelhieb um Schaufelhieb sich durch die dunklen Erdmassen grub, kreuzte er einen anderen Gang. Die plötzliche Heftigkeit der einfallenden Sonnenstrahlen zwangen ihn dazu, seine Augen zu schließen, um nicht geblendet zu werden. Schützend hielt er sich beide Hände vors Gesicht und erstarrte für einen Moment. Dann öffnete er langsam und vorsichtig die Augen und blinzelte befremdend in das Licht. Mittlerweile hatte er sich vom Schreck erholt. Im Normalfall ärgerte er sich über das Kreuzen von Gängen, da er den gesamten Weg zurückgehen musste, neu anfangen musste und viel kostbare Zeit verlor. Doch dieses Mal war es anders, ungeahnte Neugier nahm plötzlich von seinem Wesen Besitz und zwang ihn förmlich, mit den Augen die Herkunft des grellen Lichtes zu ergründen. Wie er schon vermutet hatte, endete der Gang an der Erdoberfläche. Seltsam, so intensiv hatte er die Sonne gar nicht in Erinnerung. Der Duft von frischer Erde breitete sich aus. Für einen Moment verweilte er im Genuss dieses Augenblicks. Ein Hauch von Sehnsucht erfüllte sein Herz. Er verspürte ein Gefühl von Leichtigkeit. Doch mit dem Blick auf seine Schaufel, welche im Schreck achtlos zu Boden fiel, holte ihn die Gegenwart wieder ein und er erinnerte sich an sein heutiges Vorhaben: ach ja, der neue Gang... er musste ja weiterarbeiten, damit er sein Tagespensum noch rechtzeitig erreichte. Beim Bücken nach der Schaufel fiel ein Lichtstrahl auf seine Hand und erwärmte sie kurzzeitig. Welch wohliges Gefühl. Ach, dachte der Siebenschläfer, ein kleines Päuschen sei mir doch gegönnt. Er setzte sich auf die kühle frisch aufgewühlte Erde, schnappte sich seinen Verpflegungsbeutel und entnahm ihm den Bierkrug und die halbe Kartoffel. In Gedanken versunken biss er von seiner Kartoffel ab und kaute sehr lange auf ihr herum. Als er zum Krug griff, um mit einem großen Schluck seiner Kehle Gutes zu tun, wurde der Sonneneinfall jäh unterbrochen. Irgend etwas hinderte das Licht daran, seinen Weg in gewohnte Bahnen zu lenken. Doch was? Da schwebte eine weiße Feder an ihm vorbei und legte sich ganz sanft vor seinen Füßen. Er hob sie auf und betrachtete sie sehr lange. Oh wie war sie schön! So rein und geheimnisvoll. Ohne den Blick von der Feder zu lassen, bewegte er sich auf sein Heim zu, ließ Schaufel und Beutel zurück. Die Feder sollte an einem besonderen Platz sein Reich schmücken. Als er die Tür zu seiner Wohnung öffnete, ließ er den Blick von der Feder und starrte in sein Zimmer, als sehe er es zum ersten Mal. Wie trostlos und dunkel wirkte es nun. Wie konnte er für solch ein Geschenk denn einen Platz finden. So legte er sie auf den Tisch neben der vertrockneten Scharfgarbe ab, setzte sich auf den Stuhl und blickte auf das herrliche Weiß. Da klopfte es an seiner Tür. Verwundert und sprachlos wanderten seine Augen zum Eingang. Seit Jahren hatte es bei ihm nicht geklopft. Wer sollte ihn denn besuchen? Ein erneutes Klopfen riss ihn aus den Gedanken. Misstrauisch und zögernd ging er zur Tür. Öffnete sie und blickte auf das schwarzglänzende Fell eines Maulwurfes. Dieser sah ihn mit seinen kleinen dunklen Augen an und sagte: „Guten Tag Herr Nachbar. Oben steht jemand, welcher nach einem weißen Ding sucht und meint, es sei in einem Loch verschwunden. Haben Sie es gesehen?“. Der Siebenschläfer dachte bei sich: das weiße Ding ist eine Feder, Herr Maulwurf. Er verneinte die Antwort, verabschiedete sich höflich und schloss die Tür. Vor der Tür verharrend, konnte er das kriechende Abziehen des Maulwurfes hören. Und wenn jemand diese Feder wirklich benötigte...? Gern würde er die Feder behalten und sich an ihr erfreuen. Andrerseits war er schon neugierig darauf, wem diese wundervolle Feder gehörte. Was sollte er tun? Beim Grübeln entsann er sich an ein Fantasiespiel der alten Eule, welches lautete: „Wenn du den Raum des Zweifels betrittst, so teile ihn in zwei Hälften, bemale beide Hälften mit Farben deiner Wahl, benetze sie mit Düften und verleihe ihnen die passende Musik. Dann begehst du nacheinander beide Räume, lässt dich von ihnen führen und vernimmst ihren Charme. Am Ende erhältst du wie aus Zauberhand einen Raum mit geöffneter Tür, welcher eine wunderbare Mischung aus beiden Räumen sein wird.“ Beflügelt schlüpfte er in seine Schuhe, hob behutsam die Feder auf und verließ sein Heim, um seinen Wissensdurst zu befriedigen und den Fremden kennen zu lernen. Er würde ihn bitten, die Feder behalten zu dürfen. Eine Woge von ungewohnten und doch lockenden Gefühlen übermannte den Siebenschläfer. Wie prickelnd kann doch Unkenntnis sein. Immer näher kam er dem Ausgang ... für eine Weile verlangsamte sich sein Schritt und er dachte an sein trautes Zimmer. Doch das Weich der Feder im Arm veranlasste wieder eine Beschleunigung seines Ganges. Am Ende angelangt, blickte er sich suchend um, konnte aber niemanden entdecken. Er hat doch den weiten Weg nach oben nicht umsonst gemeistert. Da fiel ihm auf, wie frisch es roch. Nein, der Weg war nicht umsonst! Es musste geregnet haben, ja der Boden war feucht und auf den Grashalmen sammelten sich Tropfen, welche bei ausreichendem Übergewicht zu Boden fielen und sich mit einem kunstvollen Wasserballett verabschiedeten. Als Kind hat er oft dieses Schauspiel beobachtet und die Wassertropfen beim Fallen auf seine Finger rollen lassen, um dann das erfrischende und belebende Nass auf der Zunge zergehen zu lassen. An den Geschmack erinnerte er sich heute noch. Der Duft von Salbei eroberte seine Nase und ließ ihn den Kopf genießend heben. Dabei betrachtete er die Bäume, dessen Blätterknospen sich gen Himmel reckten, um knisternd die Hülle zu durchbrechen. Frisches Grün verbarg sich unter dem schützenden Mantel. Auch die ersten Lilien waren in ihrer Farbpracht nicht zu übersehen. Mit anderen sternfruchtähnlichen stillen Gefährten tanzten sie verspielt im Schatten der Bäume. Oh ja, es war Frühling. Der Frühling – wie sehr liebte er doch diese Jahreszeit. In seinem dunklen Bau hatte er sein Kommen nicht bemerkt. Das Sprießen der Pflanzen verriet, dass die Sonne schon langanhaltende Wärme mit sich brachte. Mit einem tiefen Atemzug versorgte der Siebenschläfer seinen Körper mit frischem Sauerstoff, streckte dabei seine Arme, ohne die Feder zu verlieren, zum Himmel als wolle er die Welt umarmen. Das tat gut. Das tat sehr gut. Aber er war ja aus einem bestimmten Grund heraufgekommen. Weil er niemanden sah, rief er laut in die unbekannte Ferne: „Hallo. Wem gehört diese weiße Feder?“. Der Siebenschläfer wartete, jedoch es antwortete niemand. Gerade wollte er sich dem Rückweg widmen, als ihm ein Punkt am Himmel auffiel, welcher sich anscheinend mit zügiger Geschwindigkeit näherte und auf ihn zusteuerte. Gefesselt zwischen Angst und Neugier war er unfähig, nur eine Bewegung auszuführen. Mit gewaltigen, berauschenden und rhythmischen Flügelschlägen landete ein Vogel von unbändiger Größe und Schönheit vor ihm. Das muss ein Phönix sein, dachte sich der Siebenschläfer. In den Geschichten der alten Eule wurde dieser Vogel mit seinen magischen Kräften oft erwähnt. So hatte er sich ihn immer vorgestellt. Mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund, dem ein leichtes Stöhnen entfloh, staunte der Siebenschläfer den mächtigen Vogel an. Der Vogel dachte seinerseits, dies sei das Begrüßungsritual des Siebenschläfers. Um es zu erwidern, riß er seine Augen ebenfalls weit auf, öffnete den Mund und quetschte ein ähnliches Stöhnen hervor. Dieses merkwürdige Geräusch brachte den Siebenschläfer wieder zur Besinnung. „Hallo, bist du der Phönix? Gehört diese wunderschöne Feder dir?“ fragte der Siebenschläfer. „Ich bin ein Albatros“ antwortete der große Vogel „und ja, diese Feder gehört mir. Danke, dass du sie mir wiederbringst.“ Mit einem leichten Ziehen in der linken Brust übergab der Siebenschläfer dem Albatros die geliebte Feder. Dieser nahm sie entgegen und verstaute sie mit einem gezielten Griff positionssicher im Gefieder. Dann wandte sich der Albatros dem Siebenschläfer zu und sprach zu ihm: „Jede Feder ist in ihrer Einzigartigkeit eine besondere Schönheit. Für deine Ehrlichkeit und deine Mühe, mir die Feder heraufzubringen, möchte ich dir einen Wunsch erfüllen. Gibt es etwas, was ich dir geben kann?“. Der Siebenschläfer überlegte lange. Er betrachtete den blauen Himmel verziert mit einigen dicken Wolken, sah den Wind durch die Wiese stöbern und beobachtete den Tanz der Löwenzahnkinder. Im selben Moment wusste er, was er sich wünschte: „Ich möchte fliegen. Hoch hinaus ohne Grenzen fliegen.“ Der Albatros legte sich flach auf den Boden, damit der Siebenschläfer auf ihn klettern konnte. „Halte dich fest, mein Freund.“ sagte der Albatros und schwang schon seine gewaltigen Flügel, um den besten Aufwind nutzen zu können. Zwischen Wind und Albatros entwickelte sich ein Spiel, dessen nächster Spielzug nie erkennbar, aber dennoch so herausfordernd war. So, dass der Siebenschläfer jegliches Gefühl für Raum, Temperatur und Zeit verlor. Ein Meer von aufregenden und betörenden Freiheitsgefühlen ergoss sich über den Siebenschläfer, der mit Wonne diesen Zustand genoss und sich am Anblick, der unter ihm kleiner werdenden Landschaft, ergötzte. Wie unberührt die Welt aussah... wie verträumt sie sich in der Sonne aalte. Im Rausch der Sinne flogen der Albatros und der Siebenschläfer über viele Bäume, Wiesen und Seen hinweg. Keine Worte dieser Welt hätten dieses tiefe Gefühl von Sinnlichkeit beschreiben können. Nach einiger Zeit erreichten sie den Boden, wo der Siebenschläfer von der alten Eule bereits erwartet wurde. Sie hatte den Vorgang beobachtet und freute sich auf die Rückkehr der Reisenden. Der Siebenschläfer bedankte sich herzlichst beim Albatros und sie verabredeten sich für einen Nachmittag zum Eukalyptusblätterpflücken. Als der Albatros davonflog, hakte sich die Eule beim Siebenschläfer ein und lud ihn zum herzhaften Aniskuchen mit frischen Mineralquell ein. Glücklich und belebend saßen beide
bis spät in die Nacht und hatten sich viel zu erzählen. In einer
stillen Minute fragte die Eule den Siebenschläfer: „ Mein
Freund, nun bist du geflogen und hast die unendliche Freiheit des
Schönen erfahren. Wirst du dieses Gefühl denn nicht missen?“
Der Siebenschläfer schloss die Augen, sah die Feder vor sich, spürte
ihr Weich, fühlte den Wind der hohen Lüfte um sich, lauschte dem
gleichmäßigem Flügelschlag des Albatros und erwiderte: „Liebe
Eule, nun kann ich fliegen, wann und wo ich will!“ Ein Ausdruck
von tiefster Zufriedenheit umhüllte den Siebenschläfer und
bettete ihn zärtlich in die Geheimnisse des Lebens. Sie können gern Kontakt zur Autorin aufnehmen: jeanette.tamas@freenet.de |
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