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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Sinfonie

Eine Geschichte ist eine Geschichte, die uns manchmal etwas über das Vergangene erzählt, manchmal berichtet sie uns von Dingen die uns in der Zukunft begegnen werden und mal ist sie die Gegenwart. Und manchmal erinnert uns eine Geschichte an uns selber und mal an eine andere Geschichte. 
Und während ich dies aufschreibe, da fällt mir eine Geschichte ein, die mir ein guter Freund erzählt hat...

Es war einmal ein junger Mann, der hieß Alexander Calder und er lebte in einer dieser großen Städte die unser Land hat.
Aufgewachsen ist Alexander in einem anderen Teil des Landes, in einer anderen Stadt als
diese hier. Seine Erinnerung an die vergangene Zeit schmeckt eher nach lauwarmem Gin und weniger nach dem Duft der Orchideen. Jener Duft der ihn seit einiger Zeit, hin und wieder, auf wundersame Weise umschwebt wie eine Aura aus Samt.
Jetzt hier in dieser Stadt war er auch mal wieder nur Gast für eine unbestimmte Zeit. Darauf
angesprochen sagt Alexander dann immer: „Ich warte noch auf eine günstige Gelegenheit, aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.“
Nun, es war an diesem besagten Tag, in dieser Stadt, an einem wunderschönen Nachmittag
im Sommer. Der azurblaue Himmel wirft, durch die weit geöffnete Balkontür. flutendes Licht in seine Wohnung. Die leichten weißen Türvorhänge blähen sich im milden Wind auf, wie die bauchigen Segeltücher der Fischerboote an den südlichen Küstenrändern des Pazifik. Mit der warmen Sommerluft flattert loses Stimmengewirr eines Straßencafés in seine Wohnung, Wie eine Horde ausgelassener Spatzen auf der Jagd nach einer Brotkrume fliegen lose Wortfetzen durch den Raum. Sonnenstrahlen sind dabei verspielt durch die Baumwipfel vor seinem Haus zu hüpfen. Dadurch entsteht ein Spiel aus Licht und Schatten auf seinem Teppichboden. Sie spielen Versteck miteinander, denkt Alexander. Er ist überwältigt von diesem imaginären Spiel nicht greifbarer Dinge. Und in dieses Spiel mit dem Nichts legt er sich jetzt mitten hinein, auf den Rücken, mit weit ausgestreckten Armen.

Er genießt die wohlige Wärme der Sonne. Unwillkürlich denkt er dabei an früher. Früher ging er als kleiner Knirps mit seinen Eltern, später dann mit seinen Freunden, ins nahe gelegene Schwimmbad. Da lag er dann auch immer genau so da. Am liebsten im Wasser! Da schwebte er dahin, auf dem Rücken liegend, umgeben von einem plätschernden Ozean. Getragen wird er von zwei fetten orangenen Bojen die seine kleinen Ärmchen umfassen. Seinen Kopf hat er halb ins Wasser getaucht. Um ihn herum sind nur gedämpfte murmelnde Stimmen, die mit der Zeit wie Musik in seinen Ohren erklingen. Er schwebt und segelt ganz frei durch die Meere seiner kleinen unendlich freien Welt.

Eine sonnig warme Brise weht wieder durch seine Wohnung und streichelt seine Haut. Mit diesem Gefühl, und der Vorstellung, dass sein Teppich ein tropischer Sandstrand ist und seine Wohnung ein pinienbewachsener Küstenstreifen im südlichen Pazifik, sinkt Alexander Calder, an diesem Sommertag, auf seinem Teppich, in einen unvergesslichen Traum.

Im selben Moment wie er einschläft, setzen sich 2 weiße Tauben auf die Dachrinne direkt über seine weit geöffnete Balkontür. Tauben lieben solche Orte. Hier sind sie ungestört. Außerdem lieben sie die Abwechslung. Denn mal schauen sie sich die Gegend aus einem Baum an, mal vom Bürgersteig und mal von hier oben. Und jedes Mal sieht die Taubenwelt ganz anders aus.

Und kaum sitzen die Beiden am Rand der Rinne, da fragte die eine Taube: „Und? wie geht’s wir jetzt, so nach dem ersten Mal?“ „Ganz ok, werde mich schon dran gewöhnen“, sagte die andere und turtelte mit Ihrem Kopf von links nach rechts. „Ganz ok, hört sich gut an“ klang es wie ein Echo und die andere Taube schaukelt auch mit ihrem Kopf hin und her. „Nun, immerhin war es doch ganz nett.“ Darin waren sich beide einig. Ja, es war ganz nett. Auch wenn der neue Job für jede Taube gewöhnungsbedürftig ist.
Die beiden Tauben waren nämlich ein Hochzeitsgeschenk. Und vor ein paar Minuten wurden
sie von dem Brautpaar in die Luft geworfen. Was aber niemand wissen darf, sich aber vielleicht jeder denken kann, ist die Tatsache, dass die beiden gleich zu ihrem Taubenschlag zurückfliegen, um morgen an das nächste Hochzeitspaar als Glücksbringer „verkauft“ zu werden. Und wie sie so auf der Dachrinne hin und herschaukeln, nähert sich laut hupend aus einer Seitenstraße der Hochzeitswagenkonvoi. „Oh, wir müssen los, denn man sollte uns nicht sehen.“ Mit klatschenden Flügelschlägen heben die beiden Symbole der Liebe ab und fliegen in Richtung Heimathafen.

Inzwischen ist Alexander schon weit in sein Reich der Träume vorgedrungen.
Er träumt von einem älteren Herrn der als Orgelbauer in einer von Hügeln umschlossenen
kleinen Stadt lebt.
Dort ist er bekannt als der Orgelbauer Gottfried mit den goldenen Händen. Denn immer
wenn Herr Gottfried eine Orgel repariert, dann klingt sie nach der Reparatur 100-mal schöner als vorher. Warum das so ist, das hat er nie jemanden erzählt. Er hat einfach nur gelächelt und darauf geantwortet: „Wissen Sie, ein Kollege von mir, der ein sehr guter Orgelbauer ist sagt immer: Die Orgel befindet sich jetzt in einem guten Zustand.“

Heute hat er eine Orgel in seiner Werkstatt die erst auf dem zweiten Blick ihre Schönheit entfaltet. Sie ist aus feinem, gemasertem, dunkelrotem, edlem Kirschbaumholz. Die wunderbaren zierlich geschnitzten Intarsien erzählen die Geschichte eines jungen Mädchens. Sie macht sich auf den Weg das Wirkliche, das Wahre in der Musik zu finden. Finden tut sie Orpheus und - die Liebe.
Die mächtig großen Registerknöpfe der Orgel, aus poliertem Elfenbein, erinnern an den
Türknauf alter Schlosstüren. Etwas abgegriffen, aber voller Ehrwürdigkeit.
Herr Gottfried ist gerade damit beschäftigt die letzten Feinarbeiten an der Orgel zu
verrichten, als sie plötzlich zu ihm spricht:
„Herr Gottfried, wissen Sie eigentlich, dass ich viel lieber was Anderes sein würde?“
Herr Gottfried hebt den Kopf. Er ist jetzt nicht sonderlich überrascht dass die Orgel mit ihm
spricht. Und so blickt er recht gelassen ins Innere der Orgel und fragt:
„So, Sie möchten also etwas Anderes sein? Wer oder was wären Sie denn lieber, als das was Sie gerade sind?“
„Ich wäre gerne ein berühmtes Klavier.“
„Und was hätten Sie davon? fragte der Herr Gottfried freundlich.

„Na, dann stände ich auf einer großen tollen Bühne, mitten im Scheinwerferlicht. Ich wäre auf Hochglanz poliert und ganz groß und ganz schwer. Das Publikum würde mich lieben und flüstern, „was für ein unglaublich schönes Klavier.“
„Und was passiert mit Ihnen nach einem Konzert, fragte der Orgelbauer.“
„Da werde ich sicherlich vorsichtig von der Bühne geschoben.“
„Von der Bühne geschoben, und wohin wird man Sie schieben?“ fragte Gottfried.
„Na ja, bestimmt beiseite in einen Lagerraum. Und vermutlich wird jemand eine Decke über
mich legen und so werde ich dann solange warten, bis das nächste Konzert stattfindet.“ Da fragte Gottfried die Orgel: „Und wenn Sie sich jetzt so sehen, da in dem Lager, Decke drüber, abwartend was passiert, gefällt Ihnen das?“

„Mmmmh“ brummt die Orgel nachdenklich. Wissen Sie, ich glaube ich wäre dann doch lieber eine Geige.“
„Aha, sagt der Orgelbauer, warum denn eine Geige?“
„Na da bin ich viel leichter, werde festgehalten und gestreichelt und mit nach Hause
genommen. Und ich könnte eventuell in einem Orchester spielen, mit allen anderen Geigen zusammen.“
„Ja, sagte der Orgelbauer, und wie sieht so eine Geige denn aus?“

Und die Orgel fängt an eine Geige zu beschreiben.
Herr Gottfried hört eine Weile zu. Dann beginnt er vorsichtig und leise auf der Orgel zu spielen.
Er zaubert Töne und Akkorde hervor, die sich anhören, wie von einem berühmten Klavier,
welche es nur auf den großen Bühnen dieser Welt gibt. Töne, so klar und frisch wie ein Gebirgsfluss und doch so rund und prall wie der mächtige Mond in einer sternenklaren Nacht.
Dann im nächsten Register spielt er die anmutigen Klänge der Geigen. Leicht und
schwebend kommen sie angeflogen, wie die gesummten Sehnsuchtswogen vergangener Tage, gehaucht, wie nur ein venezianisches Stradivari Orchester hauchen kann.
Dann lässt er ritterliche und stolze Fanfaren erklingen mit einer Macht von 1000 Trompeten.
Und so folgt Instrument auf Instrument.
Da wird der Orgel klar, wie wunderbar vielfältig und variabel sie ist und sie hört wie Herr
Gottfried zu ihr sagt: „Wünsche sind oft Phantasie, die Wirklichkeit trägst Du in Dir.“

Aufgewacht ist Alexander von dem Hochzeitsgehupe aus der Nebenstraße. Mit geschlossenen Augen lauscht er diesem Konzert, das jetzt in seinen Ohren klingt wie die Fanfaren der 1000 Trompeten aus dem Innersten einer alten Orgel.
Langsam öffnet er seine Augen und schaut durch die offene Balkontür hinauf in das blaue
Universum. „Hallo Blau“ sagt er, und er wünscht sich für sein Traumziel ein Zeichen, oder ein Symbol als Erinnerung daran, dass er diesen Traum nicht verliert.

In diesem Moment hört er den klatschenden Flügelschlag der wegfliegenden Tauben. Im nächsten Augenblick segelt eine kleine weiße Feder durch die offene Balkontür auf ihn zu. Wie sanft sie schwebt, denkt er. Wie an Marionettenfäden geführt, mal links mal rechts hochgezupft. So segelt diese weiße Feder in einem magischen Rhythmus, der durch die Handbewegungen eines unsichtbaren Dirigenten geführt wird, immer weiter auf ihn zu. In Zeitlupe landet die Feder schließlich sanft auf seinen Bauch.
Behutsam nimmt Alexander die weiße Feder in seine Hand. Er steht auf, stellt sich in die
warmen Strahlen der rotgelbe Abendsonne und spürt die wärmende Umarmung des Lichts.

Er fühlt sich gut und so kräftig wie ein Löwe, elegant gewachsen wie eine Lilie und treu sich selbst gegenüber wie ein Ritter des heiligen Grals. „Danke“ sagt Alexander mehr leise gehaucht als gesprochen, denn sein Dank sollte ja das Universum erreichen.

Ich fragte aufgeregt meinen Freund: „Und? Wie ging es mit Alexander weiter?“
„Nun, wie es jetzt genau mit Alexander weiterging, dass weiß ich nicht. Aber Alexander weiß
seit diesem Tag was er alles für Möglichkeiten in sich trägt. Und das dieser Schatz den er besitzt vollkommen ausreicht, um die schönsten Melodien aus der Sinfonie seines Lebens zu spielen.“

 

© Michael Bala Mai 2009

 


 

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