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Metapherngeschichten

Eisstern

 


Svenjas ungewöhnlicher Zauber

Es war einmal eine junge Zauberin. 
Schon seit sie ein Kind gewesen war, lernte sie von ihren Eltern, die mit ihr in Nalanda, dem Land der Lichter und Schatten lebten und bereits große Zauberer waren, sich mit allerlei Zauber, Lug und Trug über Wasser zu halten.
Fast jeder wusste hier, dass die Welt nicht so ist, wie sie erscheint. Das war kein Geheimnis – zumindest nicht in Nalanda. Da dieses Wissen überall in der Luft hing, färbte sich Nalanda, das Land der Zauberer und Feen, in alle nur erdenklichen Blautöne – fast so, als wäre alles nur ein Traum, ein blauer Traum.
Wenn sie in Nalanda durch die Felder und Wiesen strich, war es, als würde sie durch eine verwunschene Welt ziehen, immer getrieben auf der Suche nach etwas Wahrem, etwas das bleiben würde, wenn man eines Tages erwacht. 
Denn davon war sie überzeugt, seitdem ihr Vater sie gelehrt hatte, die Welt hinter den Bildern zu sehen: die Welt, wie sie sie kannten, ist ein Traum, aus dem auch sie eines Tages erwachen würde.

Tage hatte sie oft auf ihren Wanderschaften mit ihrem Vater zugebracht, der ihr zeigte, wie man Sonnenblumen in Äpfel verwandeln konnte, wenn sie mal wieder die Wegzehrung verbraucht hatten oder wie sie sich in Adler verwandeln konnten, wenn sie den Weg zurück vergessen hatten, um sich von einer Perspektive, jenseits der oftmals ebenfalls verwunschenen Irrwege, zu orientieren.  
Zudem schien alles ständig und unvorhersehbar in Veränderung begriffen, denn sie waren in Nalanda natürlich nicht die einzigen Zauberer, die ihr magisches Unwesen trieben. 

Um ehrlich zu sein, in Nalanda wimmelte es nur von Zauberern und Feen, die sich gegenseitig ihr Können beweisen wollten und aus diesem Grund veränderte sich die Welt hier schneller als irgendwo sonst. Was sich nicht änderte, war das wesentliche Aussehen von Nalanda. Denn dazu glaubten die Zauberer zu sehr an ihre Zauberei. Aber das wussten sie nicht, oder sie wollten es nicht wissen. 

So musste man bei allen Begegnungen immer achtsam sein, ob nicht wieder ein fauler Zauber oder ein Trugbild dahinter steckte. Manchmal schien es Svenja  fast so, als bliebe ständig alles anders und nichts so wie es noch vor einer Minute gewesen war. So wuchs sie mit der Ahnung auf, eine Träumerin zu sein unter Träumenden, die sich die Tage mit purer Zauberei vertrieben aber irgendwie dennoch nicht so recht zu wissen schienen, wie sie aus dem Traum erwachen sollten: Nalanda war also ein unglaubliches Zauberama aus dem sich keiner so recht zu befreien vermochte.

Umso stärker brannte in ihr der Wunsch, dieses Land einmal zu verlassen, um ihren eigenen Weg zu finden. Ihre Eltern wünschten sich manchmal zu sehr, sie möge auch eine berühmte Zauberin von Nalanda werden, so dass sie fast schon befürchtete, gegen diesen Wunsch nichts tun zu können oder er würde sich schneller erfüllen, als sie Zeit gehabt hätte, ihren eigenen Wünschen zu folgen. Gleichzeitig, das wusste sie, war ihr eigener Zauber bisher noch zu schwach, um dem ihrer Eltern stand zu halten, die sie ja doch auch liebte und nicht enttäuschen wollte. 

So war sie immer ein wenig getrieben, rastlos und ja, auch irgendwie im Widerstreit mit sich selbst.
Hätte sie nicht einen Ort gehabt, an den sie manchmal gehen konnte, wenn es sie innerlich schier zerriss.

Wenn die Zweifel nämlich an manchen Tagen zu groß wurden, ging sie zu einem alten Mann am Azurfluss, der dort in einer kleinen Hütte lebte. In seiner Gegenwart schien die Zeit manchmal langsamer zu laufen, die Veränderungen in Zeitlupe abzulaufen, so dass sie selbst die Zeit fand, nachzudenken über das was ist, bevor es schon wieder anders war.

Der alte Mann war einst aus der Gemeinschaft der Zauberer ausgeschlossen worden, weil er behauptet hatte, dass Nalanda endlich war und es eine Welt außerhalb der Zauberwälder gäbe. Diese Welt sei nicht blau, sondern hatte alle Farben. Es gäbe dort sogar Berge und Meere und Seen so groß wie Nalanda selbst. Außerdem lebten dort körperlose, feinstoffliche Gestalten, deren Kräfte noch die der Zauberer von Nalanda weitaus überstiegen. Das konnten die Nalandaner natürlich nicht auf sich sitzen lassen, weil sie es sich einfach nicht vorstellen konnten und verbannten ihn an den Azurfluss etwa 15 Zaubermeilen entfernt vom Haus ihrer Eltern.
Svenja aber trotzte dem Bann, sehr zum Unmut ihrer Eltern, die jedoch nichts dagegen tun konnten. Denn Svenja hatte doch schon längst den berüchtigten Zauber von ihrem Vater gelernt, einen Bann auszusprechen und ihn auch zu lösen. 

So kam sie also jederzeit problemlos in den magischen Kreis, der sich seinerzeit um den Arzurfluss gelegt hatte, auch wenn sie ihn als junge Zauberin noch nicht vollends lösen konnte. Dort einmal eingetreten, fühlte sie jederzeit ein tiefes Vertrauen in sich aufsteigen und einen Schutz, wie sie ihn von damals kannte, als sie noch ganz klein gewesen war. Und ja, auch der sonst bekannte Zeitrhythmus schien dort irgendwie aufgehoben zu sein. Jedenfalls änderte sich hier nichts so schnell, dass sie es nicht hätte vollkommen wahrnehmen können. Diese Erfahrung  gab ihr jedes Mal Mut und Kraft. Vor allem aber die Gespräche mit dem Alten, der oftmals aber nur wortlos am Fluss saß und dessen kurvenreichen Lauf mit seinen Augen solange folgte, bis er manchmal schier ohne Grund laut auflachen musste und dann eifrig in seiner Erfinderkammer verschwand, um Pläne zu zeichnen. 

Svenja verstand davon noch nicht so viel, aber eines hatte sie erfasst. Der Alte hatte ihr auf ihre neugierigen und drängenden Fragen hin verraten, was sich in diesen Plänen befand: es waren „unkonventionelle Entwürfe“, „kreative Ideen und Pfadfindereien“, wie er sagte. Diese Pläne enthielten: einen Weg aus Nalanda, der nicht im Außen zu finden war, sondern nur im Innern selbst, im Herzen.

Er sagte oft zu Svenja: „Vertrau immer auf die Stimme Deines Herzens, egal was Du siehst, wem Du auch begegnest. Solange Dein Herz rein ist und Du Dir über Deine Absichten auf Deinem Weg im Klaren und im Reinen bist, kannst Du der Stimme Deines Herzens immer vertrauen.“

Das gefiel Svenja sehr. Manchmal kam er ihr so vor, als hörte sie bereits diese Stimme in ihrem Herzen. Wenn sie sich etwas wünschte, dann hörte sie neben den klassischen Klängen, die in ganz Nalanda zu hören waren und aus riesigen lila-blauen Blütenkelchen drangen, feine Harfenklänge, die wie aus einer anderen Welt kamen. Sie stellte sich dann vor, wie wohl Berge aussähen und das Meer von denen der Alte immer sprach. Dann fühlte sie das Rauschen tief in ihrem Herzen. Manchmal sogar erschienen Farben vor ihrem inneren Auge, die ganz anders waren, als alles, was sie bisher in Nalanda gesehen hatte. Sie waren hell und freundlich und vor allem fühlte es sich ganz warm an, wenn man sie betrachtete. Jedes Mal wenn sie sich diesen inneren Bildern hingab, fühlte sie sich eins, als würde plötzlich etwas in ihr stimmen, wie die Stimme ihres Herzens, die jetzt noch leise war, aber die sie auch seither nicht mehr verließ.

Als der Alte diesmal aus seiner Erfinderkammer, die eigentlich nichts anderes war, als eine staubige Kammer mit einer Matte und einem Tisch mit kritzeligen, kaum lesbaren Zeichnungen darauf, glänzten seine Augen und lächelnd blickte er auf den Fluss, solange bis Svenja sich neugierig räusperte. Als er sie anblickte, verstand sie sofort, was er gefunden hatte, sie sah es in seinen flackernden Augen: es gab ihn wirklich, einen Weg aus Nalanda! 

Sie war plötzlich hellwach und spürte eine große Anziehungskraft in ihrem Inneren, die sich wie eine wogende Welle ausbreitete. Irgendetwas in ihr begann zu tanzen, sie hatte den Geschmack von Wassermelonen auf ihrer Zunge und hörte die Blätter  und den Fluss so intensiv rauschen, dass sie sich von der einen auf die andere Minute ganz eins mit allem fühlte. Ein bisschen Angst war ihr wohl dennoch ums Herz, weil sie befürchtete, das erlebte könnte ihr Fassungsvermögen sprengen oder ihr über den Kopf wachsen. Doch der Alte bemerkte ihr Zaudern am leichten Zittern ihrer Hände und ihrem angespannten Körper. Schnell reichte er ihr ein Glas Traubensaft, der beruhigend durch ihre Kehle rann und ihr wieder in die tiefe Wahrnehmung ihres Körpers verhalf. Der süße Geschmack, den sie schon als Kind auf ihrer Zunge geliebt hatte, gab ihr Vertrauen und so ließ sie sich wieder von dem saftig-süßen Genuss davontragen. 

Sie spürte die Grenzen zwischen Innen und Außen verwischen, fast so, als wären sie nie da gewesen. Sie blickte an sich herunter und konnte es kaum fassen. Plötzlich war da eine Farbe, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Und obwohl sie es nicht wissen konnte, wusste sie es dennoch: das musste grün sein!
Als sie sich das im Inneren sagen hörte und im nächsten Augenblick mit jeder Faser ihres Körpers verstand, spürte sie eine unbändige Lebensfreude, eine, die ihr unendliche Kraft gab. Sie hörte sich sagen: „Wenn Du auf Deine innere, wohlwollende stimme hörst und Deiner klaren Visionskraft folgst, dann kannst Du Dir auch erlauben, Deinen Träumen und Wünschen zu folgen, Dich davon tragen zu lassen und Dich mit ihnen innerlich zu verbinden. Wenn Du dieser Erfahrung in Dir Raum gibt’s, dann eröffnet dieser Raum Dir völlig neue Handlungsspielräume und Sichtweisen. Verlass Dich ganz und gar auf diesen Raum, denn dann siehst Du die Welt nicht nur mit den Augen derjenigen, die Dich erzogen haben oder mit den Gewohnheitsmustern, die Du ungefragt übernommen hast, nein, dann siehst Du mit Deinem Herzen!“

Eine dicke Träne floss aus Ihren übervollen Augen, aus Ihrem übervollen Herzen, während diese Weisheit wiederum in ihr herz floss. Dabei hörte sie wieder, aber diesmal ganz deutlich und klar, den Klang der unbeschreiblich schönen Harfe!

Mit diesem Klang breitete sich der Geschmack des süßesten Pfirsichs in ihrem Mund aus und im gleichen Moment erkannte sie die Farben orange, gelb und rosa. 
Sie wurde von der Leichtigkeit, mit der sich ihr Wahrnehmungsfeld öffnete, davon getragen und fühlte sich plötzlich wie das Wasser im Fluss. Im selben Moment, in dem sie das dachte und  erkannte, war sie der Fluss, spürte sie den Überfluss an Möglichkeiten sich überall ausbreiten. Nichts könnte sie mehr zurückhalten. Davon hatte sie schon immer geträumt und so ließ sie sich davon tragen. 

Als sie irgendwann, die Zeit schon längst vergessen, wieder eine Stimme hörte, bemerkte sie, dass sie längst wieder an Land gespült worden war. Und plötzlich zwischen den Gräsern auf Augenhöhe erkannte sie eine kleine, leuchtend grüne, grüne, grüne Raupe. Noch immer konnte sie sich nicht satt sehen, an diesem grün. Die kleine Raupe räusperte sich und begann offenbar erneut das Wort zu heben, so laut sie es nur eben konnte und diesmal verstand Svenja auch sofort, was sie sagte: „Du bist doch eine Zauberin, nicht wahr. Ich wünsche mir schon so lange, ein Schmetterling zu sein. Seitdem ich sie das erste Mal habe fliegen sehen, über die Wiesen, wo ich nur mühsam herumkriechen kann. Kannst du nicht einen Zauber für mich finden, der mich zu ihresgleichen macht?“ 
Svenja dachte kurz an alles, was sie bisher erlebt hatte, schwebte scheinbar über die Bilder aus ihrer Kindheit in Nalanda, ihre vielen Zauber, die sie gelernt und Wünsche, die sich dennoch nicht erfüllt hatten. Alles lief an ihr vorbei. 

Doch dann erinnerte sie sich an den Punkt, an dem sich scheinbar alles wirklich grundlegend geänderte hatte, nämlich, als sie sich Kraft ihrer Wünsche, ihrer innigsten Gedanken und Gefühle und Ihrer unermesslichen Offenheit für den Augenblick, mit allem verbunden und plötzlich ihre Sinne überliefen und sich die Grenzen zwischen Innen und Außen aufgelöst hatten - JETZT. 

Und als sie sich ganz genau an dieses Erlebnis erinnern konnte - JETZT, da wusste sie, wie sie der Raupe helfen konnte:

 „Wenn Du ein Schmetterling sein willst, dann solltest Du es Dir nicht nur wünschen, sondern Du solltest Dir mit Deinen ganzen Sinnen vorstellen, wie es ist, ein Schmetterling zu sein, wie er sich verhält, was er tut, wenn er von Blume zu Blume flattert und tanzt, wie er aus sich selbst heraus weiß, dass innere Leichtigkeit auch zu äußerer Leichtigkeit führt, wie er die Luft unter seinen Flügeln spürt und weiß, dass er mit allem verbunden ist, dass er ein Schmetterling ist, weil er dieses Wissen von einem Schmetterling, seine ganze Erfahrung tief in sich trägt, sein Bewusstsein vollkommen davon ausgefüllt ist, ein Schmetterling zu sein und dass er mit diesem Sein, den Raum füllt und der ganze Raum den kleinen Schmetterling. Wenn Du Dir das vorstellst und Dich ganz und gar damit auffüllst, so lange, bis Du keine Zweifel mehr hast, dann wird der Schmetterling schlüpfen, erst dann kann die Metamorphose beginnen. Mit diesem Wissen, vertrau mir, Schmetterling, kannst Du alles werden und alles sein, weil nichts wirklich von Dir getrennt ist und Du tatsächlich mit allem verbunden bist. 

Wenn der Eindruck nur stark genug ist, dann wirst Du ein Elefant sein, ein Zauberer, wirst Du aus Dir selbst heraus Welten erschaffen, so wie Nalanda. Du kannst aber auch aus diesen Erlebniswelten schlüpfen, wie ich eben aus meinem nur scheinbaren Zauberwald. Vertrau auf Dich, Du kannst neue Welten erschaffen, jeden Tag neuen Sinn finden, in allem, was Du tust, was Dich umgibt. 

Denn alles was ist, ist nur ein Traum, ob gut, ob schlecht, ob als Mensch, Tier oder alle Wesensformen. Du kannst jederzeit aufwachen, sobald Du Deine Gewohnheiten, als Gewohnheiten erkennst und Deine Welt, die nur Du so erlebst, als Deine Welt und gleichzeitig keine wirkliche Welt. 

Alles ist im Fluss und alles ist ständig in Veränderung und jedes Mal anders und frisch und neu.“ 

Als Svenja das ausgesprochen hatte, blätterte sich die Raupe aus ihrem eben für sich so scheinbar schweren Körper, blätterte ihre Flügel aus einer hauchdünnen Membran, dieselbe Membran, die ihn eben noch von der neuen Welt trennte und als sich seine ganze Pracht entfaltet hatte, stieg er zum ersten mal auf in die Lüfte. Vielleicht war es ja nicht das erste Mal, dachte Svenja und lächelte wissend. 

War nicht alles schon mal da, nur in einer anderen Form?

Überglücklich endlich aufgewacht zu sein, Ihre ganzen Fähigkeiten erkannt und voll entfaltet zu haben, stand sie auf und ging weiter - sie ging ihren Weg. 
Dieser führte sie über grüne und orangene Felder, über Berge, an scheinbar unendlichen Meeren vorbei.

Als sie des Laufens müde war und sich fürs erste satt gesehen hatte, an ihrer neuen, immer wieder neuen Welt, beschloss sie in ein schönes, offenbar verlassenes Haus zu ziehen, das in der Mitte ihrer Welt lag, so dass sie alles leicht erreichen konnte - ganz einfach von ihrer Mitte heraus. 

Sie ging in das Häuschen, schenkte sich gerade ein Glas frisches Quellwasser ein, das sie von ihrer Reise aus den Bergen mitgebracht hatte - denn es sollte sie immer an die weite und freie Sicht auf den Gipfeln erinnern - als plötzlich die Tür aufging und ein Mann eintrat. Die bekannte Stimme in ihrem Herzen sagte ihr, dass dies ihr Mann war, schon immer ist. Das erkannte sie an seinem großen, offenen Herzen, das dem ihren glich und weil sie keine Angst und keine Zweifel mehr hatte, dies zu erkennen. Denn außerhalb der Zeit, haben Zweifel keine Bedeutung mehr. 

Jetzt wusste sie auch, was bleibt, wenn alles geht. Immer hatte sie in Nalanda darunter gelitten, dass alles so schnell verging, sie sich scheinbar nicht auf ihre Wahrnehmung verlassen konnte, weil sich alles ständig veränderte. Aber jetzt, jetzt verstand sie, was bleibt, wenn scheinbar alles vergeht: 

Die Liebe eines großen Herzens, die den Mut hat, alles miteinander zu verbinden!

Svenja schloss ihn in ihre Arme und beide lachten über die Leichtigkeit des Seins.

Hatte sich die Reise durch die Zeit, durch die Vergänglichkeit dafür nicht gelohnt?

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