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Es
war einmal eine junge Zauberin.
Tage
hatte sie oft auf ihren Wanderschaften mit ihrem Vater zugebracht,
der ihr zeigte, wie man Sonnenblumen in Äpfel verwandeln konnte,
wenn sie mal wieder die Wegzehrung verbraucht hatten oder wie sie
sich in Adler verwandeln konnten, wenn sie den Weg zurück
vergessen hatten, um sich von einer Perspektive, jenseits der
oftmals ebenfalls verwunschenen Irrwege, zu orientieren.
Um
ehrlich zu sein, in Nalanda wimmelte es nur von Zauberern und
Feen, die sich gegenseitig ihr Können beweisen wollten und aus
diesem Grund veränderte sich die Welt hier schneller als irgendwo
sonst. Was sich nicht änderte, war das wesentliche Aussehen von
Nalanda. Denn dazu glaubten die Zauberer zu sehr an ihre Zauberei.
Aber das wussten sie nicht, oder sie wollten es nicht
wissen.
So
musste man bei allen Begegnungen immer achtsam sein, ob nicht
wieder ein fauler Zauber oder ein Trugbild dahinter steckte.
Manchmal schien es Svenja fast
so, als bliebe ständig alles anders und nichts so wie es noch vor
einer Minute gewesen war. So wuchs sie mit der Ahnung auf, eine Träumerin
zu sein unter Träumenden, die sich die Tage mit purer Zauberei
vertrieben aber irgendwie dennoch nicht so recht zu wissen
schienen, wie sie aus dem Traum erwachen sollten: Nalanda war also
ein unglaubliches Zauberama aus dem sich keiner so recht zu
befreien vermochte.
Umso
stärker brannte in ihr der Wunsch, dieses Land einmal zu
verlassen, um ihren eigenen Weg zu finden. Ihre Eltern wünschten
sich manchmal zu sehr, sie möge auch eine berühmte Zauberin von
Nalanda werden, so dass sie fast schon befürchtete, gegen diesen
Wunsch nichts tun zu können oder er würde sich schneller erfüllen,
als sie Zeit gehabt hätte, ihren eigenen Wünschen zu folgen.
Gleichzeitig, das wusste sie, war ihr eigener Zauber bisher noch
zu schwach, um dem ihrer Eltern stand zu halten, die sie ja doch
auch liebte und nicht enttäuschen wollte.
So
war sie immer ein wenig getrieben, rastlos und ja, auch irgendwie
im Widerstreit mit sich selbst.
Wenn
die Zweifel nämlich an manchen Tagen zu groß wurden, ging sie zu
einem alten Mann am Azurfluss, der dort in einer kleinen Hütte
lebte. In seiner Gegenwart schien die Zeit manchmal langsamer zu
laufen, die Veränderungen in Zeitlupe abzulaufen, so dass sie
selbst die Zeit fand, nachzudenken über das was ist, bevor es
schon wieder anders war.
Der
alte Mann war einst aus der Gemeinschaft der Zauberer
ausgeschlossen worden, weil er behauptet hatte, dass Nalanda
endlich war und es eine Welt außerhalb der Zauberwälder gäbe.
Diese Welt sei nicht blau, sondern hatte alle Farben. Es gäbe
dort sogar Berge und Meere und Seen so groß wie Nalanda selbst.
Außerdem lebten dort körperlose, feinstoffliche Gestalten, deren
Kräfte noch die der Zauberer von Nalanda weitaus überstiegen.
Das konnten die Nalandaner natürlich nicht auf sich sitzen
lassen, weil sie es sich einfach nicht vorstellen konnten und
verbannten ihn an den Azurfluss etwa 15 Zaubermeilen entfernt vom
Haus ihrer Eltern.
So
kam sie also jederzeit problemlos in den magischen Kreis, der sich
seinerzeit um den Arzurfluss gelegt hatte, auch wenn sie ihn als
junge Zauberin noch nicht vollends lösen konnte. Dort einmal
eingetreten, fühlte sie jederzeit ein tiefes Vertrauen in sich
aufsteigen und einen Schutz, wie sie ihn von damals kannte, als
sie noch ganz klein gewesen war. Und ja, auch der sonst bekannte
Zeitrhythmus schien dort irgendwie aufgehoben zu sein. Jedenfalls
änderte sich hier nichts so schnell, dass sie es nicht hätte
vollkommen wahrnehmen können. Diese Erfahrung
gab ihr jedes Mal Mut und Kraft. Vor allem aber die Gespräche
mit dem Alten, der oftmals aber nur wortlos am Fluss saß und
dessen kurvenreichen Lauf mit seinen Augen solange folgte, bis er
manchmal schier ohne Grund laut auflachen musste und dann eifrig
in seiner Erfinderkammer verschwand, um Pläne zu zeichnen.
Svenja
verstand davon noch nicht so viel, aber eines hatte sie erfasst.
Der Alte hatte ihr auf ihre neugierigen und drängenden Fragen hin
verraten, was sich in diesen Plänen befand: es waren
„unkonventionelle Entwürfe“, „kreative Ideen und
Pfadfindereien“, wie er sagte. Diese Pläne enthielten: einen
Weg aus Nalanda, der nicht im Außen zu finden war, sondern nur im
Innern selbst, im Herzen. Er
sagte oft zu Svenja: „Vertrau immer auf die Stimme Deines
Herzens, egal was Du siehst, wem Du auch begegnest. Solange Dein
Herz rein ist und Du Dir über Deine Absichten auf Deinem Weg im
Klaren und im Reinen bist, kannst Du der Stimme Deines Herzens
immer vertrauen.“
Das
gefiel Svenja sehr. Manchmal kam er ihr so vor, als hörte sie
bereits diese Stimme in ihrem Herzen. Wenn sie sich etwas wünschte,
dann hörte sie neben den klassischen Klängen, die in ganz
Nalanda zu hören waren und aus riesigen lila-blauen Blütenkelchen
drangen, feine Harfenklänge, die wie aus einer anderen Welt
kamen. Sie stellte sich dann vor, wie wohl Berge aussähen und das
Meer von denen der Alte immer sprach. Dann fühlte sie das
Rauschen tief in ihrem Herzen. Manchmal sogar erschienen Farben
vor ihrem inneren Auge, die ganz anders waren, als alles, was sie
bisher in Nalanda gesehen hatte. Sie waren hell und freundlich und
vor allem fühlte es sich ganz warm an, wenn man sie betrachtete.
Jedes Mal wenn sie sich diesen inneren Bildern hingab, fühlte sie
sich eins, als würde plötzlich etwas in ihr stimmen, wie die
Stimme ihres Herzens, die jetzt noch leise war, aber die sie auch
seither nicht mehr verließ.
Als
der Alte diesmal aus seiner Erfinderkammer, die eigentlich nichts
anderes war, als eine staubige Kammer mit einer Matte und einem
Tisch mit kritzeligen, kaum lesbaren Zeichnungen darauf, glänzten
seine Augen und lächelnd blickte er auf den Fluss, solange bis
Svenja sich neugierig räusperte. Als er sie anblickte, verstand
sie sofort, was er gefunden hatte, sie sah es in seinen
flackernden Augen: es gab ihn wirklich, einen Weg aus Nalanda!
Sie
war plötzlich hellwach und spürte eine große Anziehungskraft in
ihrem Inneren, die sich wie eine wogende Welle ausbreitete.
Irgendetwas in ihr begann zu tanzen, sie hatte den Geschmack von
Wassermelonen auf ihrer Zunge und hörte die Blätter
und den Fluss so intensiv rauschen, dass sie sich von der
einen auf die andere Minute ganz eins mit allem fühlte. Ein
bisschen Angst war ihr wohl dennoch ums Herz, weil sie befürchtete,
das erlebte könnte ihr Fassungsvermögen sprengen oder ihr über
den Kopf wachsen. Doch der Alte bemerkte ihr Zaudern am leichten
Zittern ihrer Hände und ihrem angespannten Körper. Schnell
reichte er ihr ein Glas Traubensaft, der beruhigend durch ihre
Kehle rann und ihr wieder in die tiefe Wahrnehmung ihres Körpers
verhalf. Der süße Geschmack, den sie schon als Kind auf ihrer
Zunge geliebt hatte, gab ihr Vertrauen und so ließ sie sich
wieder von dem saftig-süßen Genuss davontragen.
Sie
spürte die Grenzen zwischen Innen und Außen verwischen, fast so,
als wären sie nie da gewesen. Sie blickte an sich herunter und
konnte es kaum fassen. Plötzlich war da eine Farbe, die sie noch
nie zuvor gesehen hatte. Und obwohl sie es nicht wissen konnte,
wusste sie es dennoch: das musste grün sein!
Eine
dicke Träne floss aus Ihren übervollen Augen, aus Ihrem übervollen
Herzen, während diese Weisheit wiederum in ihr herz floss. Dabei
hörte sie wieder, aber diesmal ganz deutlich und klar, den Klang
der unbeschreiblich schönen Harfe!
Mit
diesem Klang breitete sich der Geschmack des süßesten Pfirsichs
in ihrem Mund aus und im gleichen Moment erkannte sie die Farben
orange, gelb und rosa.
Als
sie irgendwann, die Zeit schon längst vergessen, wieder eine
Stimme hörte, bemerkte sie, dass sie längst wieder an Land gespült
worden war. Und plötzlich zwischen den Gräsern auf Augenhöhe
erkannte sie eine kleine, leuchtend grüne, grüne, grüne Raupe.
Noch immer konnte sie sich nicht satt sehen, an diesem grün. Die
kleine Raupe räusperte sich und begann offenbar erneut das Wort
zu heben, so laut sie es nur eben konnte und diesmal verstand
Svenja auch sofort, was sie sagte: „Du bist doch eine Zauberin,
nicht wahr. Ich wünsche mir schon so lange, ein Schmetterling zu
sein. Seitdem ich sie das erste Mal habe fliegen sehen, über die
Wiesen, wo ich nur mühsam herumkriechen kann. Kannst du nicht
einen Zauber für mich finden, der mich zu ihresgleichen
macht?“
Doch
dann erinnerte sie sich an den Punkt, an dem sich scheinbar alles
wirklich grundlegend geänderte hatte, nämlich, als sie sich
Kraft ihrer Wünsche, ihrer innigsten Gedanken und Gefühle und
Ihrer unermesslichen Offenheit für den Augenblick, mit allem
verbunden und plötzlich ihre Sinne überliefen und sich die
Grenzen zwischen Innen und Außen aufgelöst hatten - JETZT.
Und
als sie sich ganz genau an dieses Erlebnis erinnern konnte -
JETZT, da wusste sie, wie sie der Raupe helfen konnte:
„Wenn
Du ein Schmetterling sein willst, dann solltest Du es Dir nicht
nur wünschen, sondern Du solltest Dir mit Deinen ganzen Sinnen
vorstellen, wie es ist, ein Schmetterling zu sein, wie er sich
verhält, was er tut, wenn er von Blume zu Blume flattert und
tanzt, wie er aus sich selbst heraus weiß, dass innere
Leichtigkeit auch zu äußerer Leichtigkeit führt, wie er die
Luft unter seinen Flügeln spürt und weiß, dass er mit allem
verbunden ist, dass er ein Schmetterling ist, weil er dieses
Wissen von einem Schmetterling, seine ganze Erfahrung tief in sich
trägt, sein Bewusstsein vollkommen davon ausgefüllt ist, ein
Schmetterling zu sein und dass er mit diesem Sein, den Raum füllt
und der ganze Raum den kleinen Schmetterling. Wenn Du Dir das
vorstellst und Dich ganz und gar damit auffüllst, so lange, bis
Du keine Zweifel mehr hast, dann wird der Schmetterling schlüpfen,
erst dann kann die Metamorphose beginnen. Mit diesem Wissen,
vertrau mir, Schmetterling, kannst Du alles werden und alles sein,
weil nichts wirklich von Dir getrennt ist und Du tatsächlich mit
allem verbunden bist.
Wenn
der Eindruck nur stark genug ist, dann wirst Du ein Elefant sein,
ein Zauberer, wirst Du aus Dir selbst heraus Welten erschaffen, so
wie Nalanda. Du kannst aber auch aus diesen Erlebniswelten schlüpfen,
wie ich eben aus meinem nur scheinbaren Zauberwald. Vertrau auf
Dich, Du kannst neue Welten erschaffen, jeden Tag neuen Sinn
finden, in allem, was Du tust, was Dich umgibt.
Denn
alles was ist, ist nur ein Traum, ob gut, ob schlecht, ob als
Mensch, Tier oder alle Wesensformen. Du kannst jederzeit
aufwachen, sobald Du Deine Gewohnheiten, als Gewohnheiten erkennst
und Deine Welt, die nur Du so erlebst, als Deine Welt und
gleichzeitig keine wirkliche Welt.
Alles
ist im Fluss und alles ist ständig in Veränderung und jedes Mal
anders und frisch und neu.“
Als
Svenja das ausgesprochen hatte, blätterte sich die Raupe aus
ihrem eben für sich so scheinbar schweren Körper, blätterte
ihre Flügel aus einer hauchdünnen Membran, dieselbe Membran, die
ihn eben noch von der neuen Welt trennte und als sich seine ganze
Pracht entfaltet hatte, stieg er zum ersten mal auf in die Lüfte.
Vielleicht war es ja nicht das erste Mal, dachte Svenja und lächelte
wissend.
War
nicht alles schon mal da, nur in einer anderen Form?
Überglücklich
endlich aufgewacht zu sein, Ihre ganzen Fähigkeiten erkannt und
voll entfaltet zu haben, stand sie auf und ging weiter - sie ging
ihren Weg.
Als
sie des Laufens müde war und sich fürs erste satt gesehen hatte,
an ihrer neuen, immer wieder neuen Welt, beschloss sie in ein schönes,
offenbar verlassenes Haus zu ziehen, das in der Mitte ihrer Welt
lag, so dass sie alles leicht erreichen konnte - ganz einfach von
ihrer Mitte heraus.
Sie
ging in das Häuschen, schenkte sich gerade ein Glas frisches
Quellwasser ein, das sie von ihrer Reise aus den Bergen
mitgebracht hatte - denn es sollte sie immer an die weite und
freie Sicht auf den Gipfeln erinnern - als plötzlich die Tür
aufging und ein Mann eintrat. Die bekannte Stimme in ihrem Herzen
sagte ihr, dass dies ihr Mann war, schon immer ist. Das erkannte
sie an seinem großen, offenen Herzen, das dem ihren glich und
weil sie keine Angst und keine Zweifel mehr hatte, dies zu
erkennen. Denn außerhalb der Zeit, haben Zweifel keine Bedeutung
mehr.
Jetzt
wusste sie auch, was bleibt, wenn alles geht. Immer hatte sie in
Nalanda darunter gelitten, dass alles so schnell verging, sie sich
scheinbar nicht auf ihre Wahrnehmung verlassen konnte, weil sich
alles ständig veränderte. Aber jetzt, jetzt verstand sie, was
bleibt, wenn scheinbar alles vergeht:
Die
Liebe eines großen Herzens, die den Mut hat, alles miteinander zu
verbinden! Svenja
schloss ihn in ihre Arme und beide lachten über die Leichtigkeit
des Seins. Hatte sich die Reise durch die Zeit, durch die Vergänglichkeit dafür nicht gelohnt? |
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